Mit der AIDA durch die Fjorde –

Norwegen auf schwankendem Boden


Eine Schiffsreise mit Kind im Rolli – kann das überhaupt entspannend sein? Wir wollten das mal für Euch testen, und unsere Antwort nach zehn Tagen an Bord der AIDA: Ja, das kann es! Wenn man ein paar Dinge im Vorfeld beachtet und mit einer ordentlichen Portion Flexibilität reist. Hier kommt unser Erfahrungsbericht über eine Reise in die norwegischen Fjorde – mit jeder Menge Seeluft.

(Nike hat sich an Bord sofort wohlgefühlt. Bei Abfahrt in Hamburg war es heiss, um die 30 Grad, der frische Wind bei der Ausfahrt aus dem Hafen hat ihr wunderbar um die Nase geweht und sie hat trotz Hitze nicht gegen das Korsett protestiert)

 

Planung ist die halbe Miete

Unsere Kreuzfahrt ab Hamburg war schon Monate im Voraus gebucht – inklusive barrierefreier Kabine. Das war Gold wert und auch dringend nötig, denn diese speziellen Kabinen sind rar. Ein riesengroßes Dankeschön an unsere Reisebüroagentin Sarah Henne, die uns mit Know-how und viel Geduld zur Seite stand.

Weniger rund lief es bei der Ausflugsplanung: Die nach Buchung der Reise buchbaren Landausflüge waren entweder ungeeignet für Rollikids oder schlicht ausgebucht – und das bereits Monate vor Abfahrt. Wer auf spezielle Anforderungen angewiesen ist, sollte also frühzeitig anfragen oder gleich auf eigene Faust planen. (Das wiederum war echt unkompliziert, denn überall vor Ort gab es Anbieter, die spontan Touren anboten, auch barrierefrei.)

Alles, was wir für Nike extra benötigten, mussten wir anmelden, so unser Cloud Cuddle, und einen extra Rolli zum Wandern (den wir dann doch zu Hause gelassen haben). 

Unspektakuläre aber lange Anreise

Vom Bodensee nach Hamburg – eine echte Strecke. Mit einer Übernachtung in Bielefeld war’s dann aber machbar. Den Parkplatz am Cruise Terminal hatten wir vorab gebucht – Aida bot den leider nur noch für Autos unter 1,90 m Höhe an. Unsere Lösung: Direkt bei APCOA noch einen höheren Platz reserviert, praktischerweise direkt am Terminal waren die Behindertenparkplätze. Fast schon Luxus! Es war auch kein Problem unsere Rollstuhlrampe hinten auszufahren.

Im Warteraum beim Einchecken. Das grosse Gepäck haben wir schon abgegeben. Mit dem Rolli durften wir schneller rein, an den anderen vorbei. Das war sehr praktisch, denn Nike war hungrig.

Willkommen an Bord: Zwischen Komfort und Kompromiss


Zuallererst: Uns viel sofort auf, wie viele Menschen mit diversen Behinderungen an Bord waren, die schiere Anzahl an Rollstühlen, Rollatoren, Gehstöcken und anderen Hilfsmitteln war unglaublich. Es scheint also zu gehen!

Unsere Rollstuhlkabine war geräumig, aber nicht ganz optimal: Die Tür öffnete sich automatisch (und sehr langsam) – 20 Sekunden voller Einblick in alles, was sich in der Kabine abspielte. Bei vier Personen nicht gerade ein Privatsphäre-Highlight. Wir haben für Nike die Matratze vom Hochbett genommen und auf den Boden gelegt. Geschützt haben wir sie mit dem CloudCuddle, einem aufblasbaren Reisebett für Kinder mit Behinderungen.

Das Bad war grossartig und sehr geräumig. Da gab es wirklich gar nichts zu meckern, nur ein Lifter hat gefehlt, vielleicht kann man so was aber auch mitbringen? Es gibt ja mobile Lifter, wie von Handi-Move. Wir konnten Nike dennoch gut duschen, sie dafür sogar auf einen Duschsitz setzen. Cool wäre hier z.B. auch derMultiflex von Rehanorm oder ein ähnlicher Badesitz gewesen. Festgebunden habe ich Nike am Duschsitz mit einem Tuch, denn ein Gurt war nicht vorhanden, damit sie nicht runterfällt

Die Flure waren regelmäßig mit Putzwagen verstopft – Alltag auf einem Kreuzfahrtschiff, aber mit Rollstuhl oder Rehabuggy echt nervig. Und die Aufzüge? Leider öfter mal außer Betrieb. Mit etwas Geduld ging aber alles. 


Das Bad war geräumig und behindertengerecht, nur ein Lifter hat uns noch gefehlt.


Ein geeignetes Bett für Nike gab es nicht, deshalb haben wir unseren CloudCuddle mitgebracht. Er hat perfekt in die Kabine gepasst. Wir haben einfach die Matratze vom Hochbett genommen. Alternativ hätte auch ein Fixstärnli funktioniert.

 

Verpflegung

Zum Essen mussten wir pünktlich sein. Die erste halbe Stunde, die ein Bordrestaurant geöffnet war, gab es immer reservierte Rollitische. Später dann nicht mehr. Wir haben aber immer was gefunden. Manchmal war auch hier ein bisschen Geduld nötig. Punkte gab’s auf jeden Fall für das gut gelaunte und hilfsbereite Personal in den Restaurants, den Koch an der Schonkost-Theke und für die Mikrowelle auf Deck 14 – heiß geliebter Helfer für Fläschchen und Co.

Gut war, dass wir viele Spucktücher dabei hatten, denn es gab nur finzelige, kleine Papierservietten, von denen wir sehr viele gebraucht hätten, Nike hatte eigentlich für jede frische Mahlzeit ihr Babybjörn Lätzchen um (schade, dass es das nicht grösser gibt) und eben die wunderschönenHalstücher von JOF haben wir auch immer gebraucht.

Wir haben für Nike mit ihren vielen Unverträglichkeiten immer etwas gefunden, was sie essen konnte, auch wenn es manchmal viel Recherche und Kreativität brauchte. So habe ich ihr z.B. gekochten Reis (glutenfrei) mit Bolognese gemischt und gegartes Gemüse reingeschnitten. DIe Köche kannten mich nach der Woche an Bord alle, denn immer fragte ich sie, was in den Sossen noch so an Zutaten drin sei.

Leider waren die Beschriftungen der Speisen  nämlich nicht so sinnvoll. Es stand zwar immer “glutenfrei” und “laktosefrei” dran, nur half uns das leider gar nichts, denn damit wussten wir nicht, ob Nüsse oder Soja oder Fruchtzucker enthalten war. Sinnvoller wären die Inhaltsstoffe gewesen auszeichnen, denn ich gehe davon aus, dass es noch mehr Menschen mit verschiedenen Unverträglichkeiten gibt.

Ein Hoch auf die Veranda!

Die Seetage gehörten uns – Sonne tanken, auf dem eigenen Balkon chillen, einfach mal treiben lassen. Die Pools waren leider so voll, dass man eher versuchte, nicht hinzusehen. Schwimmen war ohnehin keine Option: Schwimmwindeln sind an Bord nicht erlaubt – schade!

Die Veranda wurde unser Rückzugsort – ruhig, gemütlich und mit bestem Fjordblick. Ueber eine Rollirampe auch für Nike bestens erreichbar.


Chillen auf der Veranda.

 

Landgänge – oder auch nicht

 

Stavanger: 

Ein hübscher Ort, den wir bei einem langen Spaziergang auf eigene Faust erkundet haben und im Hafen lecker Fisch gegessen haben. 

Frische Krabben-Pokebowls, direkt aus dem Meer gefischt gab es direkt am Hafen. 

 

Nike hat den perfekten Hintergrund gefunden.

Nordfjordeid: 

Durften wir leider nicht von Bord, da es eine schwimmende Plattform war und an diesem Tag ein Sturm tobte, der sie zu unsicher machte. Ausserdem war es so neblig, dass man auch vom Schiff aus die Fjorde drumherum nicht sehen konnte…den Sinn dieses Halts habe ich nicht so richtig verstanden, auch nicht, warum man stattdessen nicht einen anderen Hafen angefahren hat, denn der Wind war schon Tage vorher vorhergesagt. Wir haben es uns auf unserer Veranda gemütlich gemacht und Restauranthopping betrieben, bis der Tag rum war. 

 

Alesund

Das schönste Städtchen unter den von uns auf dieser Reise besuchten. Malerischer Jugendstil, alles sehr gut zu erlaufen. Wir sind raus zum Aquarium gewandert, haben damit die ganze Stadt gesehen und dann noch im hügeligen Gebiet in den Dünen viel gute Seeluft eingeatmet. Dort gab es auch öffentliche Grill- und Picknickplätze. Hätte es an dem Tag nicht so stark geregnet, hätten wir das gerne genutzt. Stattdessen war ich dann noch zollfrei Shoppen, das konnte man hier prima. Ausserdem hätte man sich alles auch ganz bequem im Bus zeigen lassen können, denn “Hop-on-hop-off” bot barrierefreie Busfahrten auch ohne vorherige Buchung.

HOGGI Bingo Evolution mit Regenverdeck und Schlupfsack für warme Füsse vom Kangoo von Bogetec, hat prima zusammengepasst und Nike warm und trocken gehalten.

Wir konnten wunderbar durch die Hügellandschaft und Natur wandern.
Unser Bingo Evolution Rehabuggy fuhr ziemlich gut auf den Wegen, nur selten mussten wir ihn mal ein bisschen anheben und in den Wickelrucksack von HOGGIpasste alles rein, was wir mitnehmen mussten: Trinkflasche, Thermoskanne, Wickelzeug, Snacks…

Maloy: 

Das war für uns so ein richtiger Kaffeefahrt-Stop. Nichts besonderes zu sehen, kein Ausflug barrierefrei buchbar. Am Hafen gab es lediglich eine Strasse mit Souvenir-Shops, sonst absolut nichts. Schade. Wir haben uns einen schönen Tag an Bord gemacht und wieder Restaurant-Hopping betrieben, was dazu geführt hat, dass wir nach einer Woche auf dem Schiff sicherlich einige Kilos mehr auf die Waage gebracht haben.

 

Um von da oben dann wieder nach Hamburg zu kommen, gab es dann noch einen ganzen Tag auf See. Der war zum grossen Glück hauptsächlich sonnig und mild, der perfekte Erholungstag an Bord. 

Auf die richtige Gesellschaft kommt es an
 

Zur Verstärkung für unser Vorhaben ist mein Bruder mit seiner Familie mitgereist. Das war sehr wichtig für mich, denn ich hatte Angst irgendwo mit den Kindern aufgeschmissen zu sein. Diese Angst war allerdings unbegründet. Das Bordpersonal war immer sehr hilfsbereit und ich hatte in keinem Moment das Gefühl, dass ich das nicht auch alleine gepackt hätte. Dennoch ist es natürlich viel wert, wenn man auch mal Verantwortung abgeben kann, weil ein anderer auf Nike am Frühstückstisch aufpasst, während ich Essen vom Buffet hole oder sie mitnimmt. Ausserdem hatten wir in der Gruppe natürlich auch mehr Spass, denn es gab immer jemanden, der eine gewählte Aktivität mitmachen wollte. So haben wir Erwachsenen eine “White Party”, ein paar Bar-Abende miteinander verbracht. Zu den Shows waren die Kinder meist mit von der Partie.

 

Seetag mit Sonnenschein


Zurück auf See: Sonne satt, Terrasse genießen, lecker essen – das Leben kann so schön sein! Nur schwimmen ging wieder nicht (Stichwort Schwimmwindeln). Abends gab’s eine tolle Show – das AIDA-Entertainment hat sich doch Mühe gegeben, es gab grossen Applaus.

 

Zurück in Hamburg – alles wie am Schnürchen
 

Das Ausschiffen war perfekt organisiert: Keine langen Wartezeiten, Frühstück in Ruhe, Koffer schnell gefunden – und schon ging’s wieder Richtung Süden. Nike war nach sieben Stunden Fahrt allerdings sowas von durch. Fürs nächste Mal: Vielleicht doch zwei Etappen?

 

Fazit: Kreuzfahrt mit Rolli-Kind? Unbedingt!
 

Trotz kleiner Hürden war diese Reise eine wunderbare Erfahrung. Besonders positiv: die fast durchgehend gute Barrierefreiheit an Bord – und unser kleiner Technik-Held, das Babyphone, das uns ganz neue Freiheiten schenkte. Während Nike in der Kabine entspannte, konnten wir Shows und das Nachtleben genießen – immer mit dem beruhigenden Gefühl, sofort bei ihr sein zu können, wenn nötig.

Nur bei der Wahl der Häfen würden wir nächstes Mal kritischer hinschauen – Ålesund war toll, der Rest eher so lala. Aber das ist ja das Schöne an Kreuzfahrten: Man kann immer wieder neue Routen ausprobieren!

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