FiNiFuchs fragt nach

Im Gespräch mit Martina Steinhauser von Albrecht über Motivation, Teamarbeit und die besondere Welt der Hilfsmittelversorgung für Kinder.

 

„Kinder sind keine kleinen Erwachsenen – 
jedes Kind ist ein eigenes Individuum. 
Wer sich wirklich auf sie einlässt, 
merkt schnell, 
dass Hilfsmittelversorgung 
manchmal einfacher wird,
als man denkt.“

1. Wer bist du?


Stell dich bitte kurz vor: Wer bist du – jenseits von Titel und Funktion?

Mein Name ist Martina und ich bin eigentlich Physiotherapeutin. Durch mein Masterstudium habe ich die Faszination und das Interesse für die Hilfsmittelversorgung  für mich entdeckt. 

Wie bist du in die Welt der Kinderhilfsmittel gekommen?

Ich habe als Physiotherapeutin eine Zeit lang mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Den Anstoß zur Hilfsmittelversorgung gab eigentlich ein Kollege aus der Technik. Er hat uns in einer Physiotherapie-Einheit besucht und uns spezielle Orthesen für Kinder gezeigt. Die Funktion und der Aufbau dieser Orthesen haben mich sehr begeistert. 

Gab es einen Moment oder einen Menschen, der dich besonders geprägt hat?

Da gibt es viele Momente und auch viele besondere Menschen. Besonders beeindruckt hat mich aber ein kleines Mädchen, das mithilfe einer Orthese wieder mit ihrem Bruder verstecken spielen konnte. Das Lachen der beiden in diesem Moment werde ich nie mehr vergessen. Es sind oft die vermeintlich ganz kleinen Momente, die für immer im Gedächtnis bleiben. 

Was überrascht Menschen oft, wenn sie dich besser kennenlernen?

Definitiv meine Ungeduld! Ich bin beruflich ein sehr, sehr geduldiger Mensch, das war auch schon immer so und geht ganz automatisch.  Privat sieht das anders aus.😉 

 

2. Dein Weg & deine Motivation

 

Warum tust du, was du tust?

Weil ich es wirklich gerne tue.😊 

Was motiviert dich ganz konkret im Alltag, Produkte für Kinder mit Behinderung zu entwickeln?

Einerseits die Schicksale, die manche Kinder und Familien treffen. Man wird dadurch nachdenklich und möchte möglichst konkret und nachhaltig helfen.  Andererseits aber auch das Lachen der Kinder, die, trotz Einschränkungen, Freude am Leben haben. 

Welche Werte leiten dich bei deiner Arbeit?

Respekt, Feingefühl, ein genaues Hinsehen und auch das Vertrauen in die eigene Erfahrung, die man über die Jahre sammelt. 

Gab es auch Momente, in denen du gezweifelt hast – und warum bist du geblieben?

Ja, die gab es definitiv. Es gab Momente wo ich mich und meine Herangehensweise stark hinterfragt habe. Ich bin aber geblieben, weil mir das mein Bauchgefühl gesagt hat…..und es sollte Recht behalten.😊 

 

3. Hinter den Kulissen der Entwicklung

 

Wie entsteht bei euch ein neues Hilfsmittel – von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt?

Der Prozess ist bei uns folgendermaßen: wir werden angesprochen von Physiotherapeut:innen, Techniker:innen oder Ärzt:innen mit einem konkreten Problem oder Projekt. Dann werden von Seiten der Geschäftsleitung Überlegungen angestellt, ob dieses Projekt in unsere strategische Ausrichtung passt und wir die technischen Kompetenzen dazu haben. Falls ja, werden unterschiedliche Lösungen geprüft um die bestmögliche Versorgung für die Patient:innen gewährleisten zu können. 

Wer ist an diesem Prozess beteiligt?

Sehr viele Menschen und Köpfe: Techniker:innen, Konstrukteur:innen, Physiotherapeut:innen, Ergotherapeut:innen, Ökonom:innen, Vertriebler:innen und Anwender:innen.

Worauf legt ihr bei Entwicklung und Fertigung besonderen Wert?

Auf Passgenauigkeit, hochwertige Materialien, Praxistauglichkeit und ebenso die Optik….für Kinder sollen die Produkte auch optisch ansprechend sein, dies fördert die Compliance enorm.

Welche Materialien oder Technologien nutzt ihr – und warum gerade diese?

Wir legen sehr viel Wert auf Hautverträglichkeit Haltbarkeit und Nachhaltigkeit….und versuchen dabei auch immer wirtschaftlich zu agieren. 

Gibt es etwas, das Eltern überraschen würde, wenn sie sehen könnten, wie eure Produkte entstehen?

Ja, wieviele Menschen hier beteiligt sind und wie wild auch manchmal diskutiert werden kann bei uns. Viele Köpfe führen zu vielen gerechtfertigten und hochqualifizierten Meinungen. Aber man spürt in diesen Diskussionen im Endeffekt auch immer besonders, wie wichtig es allen ist ein gutes Produkt auf den Weg zu bringen.  Ein besonderes Merkmal unserer Arbeit ist auch, dass der gesamte Entwicklungsprozess hier in Bernau am Chiemsee stattfindet und alles in Handarbeit entsteht. 

Was ist bei Hilfsmitteln für Kinder besonders sensibel oder herausfordernd?

Ich möchte gar nicht sagen dass die Hilfsmittelversorgung für Kinder besonders sensibel oder herausfordernd ist. Meiner Meinung nach ist sie eine ganz andere, besondere Welt und auch eine andere Herangehensweise. Hier finde ich den Satz „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“ als sehr treffende Beschreibung. Man muss sich einfach immer wieder auf die Zusammenarbeit mit Kindern einlassen können und jedes Kind als besonderes Individuum sehen, dann kann es auch manchmal ganz einfach sein.

 


Kurz gefragt: 
 

Bauchgefühl oder Plan?

Beides!
 

Ruhe oder Tempo?

Ruhe!

Tüfteln oder Zuhören?

Zuhören!
 

 

4. Dein Team & eure Philosophie

 

Was macht euer Team besonders?

Definitiv der Humor, der starke Zusammenhalt und die Motivation für das was wir tun. 

Wie arbeitet ihr zusammen – eher kreativ-chaotisch oder strukturiert und technisch?

Beides! Je nachdem wo wir im Arbeitsprozess gerade stehen. Anfangs ist es eher unstrukturiert, chaotisch und manche Ideen werden auch wieder verworfen. Zum Ende hin kommt dann die Detailarbeit, hier wird es oft hochtechnisch und alles wird penibel genau analysiert.

Was ist dir im Umgang mit deinen Kolleg:innen besonders wichtig?

Respekt und Wertschätzung! Und dass man manches auch mit Humor nehmen und gemeinsam lachen kann.

Worüber wird bei euch im Alltag auch mal gelacht?

Bei uns wird sehr oft gelacht. Ich bin ja eigentlich Österreicherin, unser Firmenstandort in Bayern. Ich finde die Bayern sind besonders humorvoll und lustig, daher werden bei uns auch die Lachmuskeln regelmäßig trainiert.😉 

 

5. Persönlicher Blick

 

Hast du ein Lieblingshilfsmittel aus eurer Produktwelt? Warum gerade dieses?

Definitiv die CDS lock Kombinationsorthese Knie-Sprunggelenk. Da steckt so viel Detailarbeit dahinter und diese Orthese bietet den Kindern auf so vielen Ebenen einen echten Mehrwert. 

Erinnerst du dich an eine Familie oder ein Kind, bei dem dieses Hilfsmittel etwas verändert hat?

Wir bekamen vor einigen Monaten einen Anruf einer Orthopädietechnikerin, die Hilfe bei einer Versorgung benötigte. Ihr Patient war gehfähig bis zu einer Infektion. Nach zwei Jahren Immobilität entwickelten sich Kontrakturen im Knie und im Sprunggelenk, welche das Stehen und Gehen unmöglich  machten. Die Therapeutin wollte aber den Jungen wieder zum Stehen bringen. Hier konnten wir dann mit der CDS lock Kombinationsorthese Knie-Sprunggelenk erst die Kontrakturen aufdehnen, um eine gerade Position des  Beins fürs Stehen zu ermöglichen. Als der Patient diese erreicht hatte, konnte er durch die Sperrfunktion des Gelenks sicher in eine vertikale Position gebracht werden. Bei dieser Versorgung konnten wir alle Möglichkeiten der Orthese ausschöpfen und den Patienten bestmöglich in der Rehabilitation unterstützen. 

Gibt es ein Hilfsmittel, das du gerne entwickeln würdest, weil es bisher fehlt oder noch besser sein könnte?

Ich würde jetzt kein neues Hilfsmittel entwickeln wollen, weil es schon sehr viele gute gibt. Aber ich denke, dass es lohnenswert ist bereits vorhandene Produkte zu evaluieren und zu überarbeiten, am besten im ehrlichen Austausch mit den Anwender:innen.

Wenn du an die Familien denkst, die eure Produkte nutzen: Was wünschst du ihnen?

Geduld und Vertrauen…..Geduld, da es oft ein längerer Prozess ist, bis ein Hilfsmittel wirklich passt und gerne genutzt wird. Und Vertrauen in sich und in die Kinder, die oft wirklich erstaunliche Fähigkeiten haben zur Anpassung. 

 

6. Blick nach vorn & Abschluss

Wie siehst du die Zukunft der Kinderhilfsmittel?

Sehr positiv! Ich denke, dass durch den technologischen Fortschritt immer mehr möglich gemacht werden kann. Wir haben auch immer bessere Assessments, um Problemstellungen wirklich genau zu erheben und zu verstehen. Das macht auch die Versorgungsmöglichkeiten viel präziser. 

Welche Entwicklungen oder Trends empfindest du als sinnvoll – und welche eher kritisch?

Ich finde die Entwicklung in Richtung Multidisziplinarität in der Hilfsmittelversorgung als sehr wichtig und sinnvoll. Eine Zusammenarbeit unter den verschiedenen Berufsgruppen ist im Endeffekt auch für die Kinder von  großem Vorteil.
Kritisch sehe ich die Tendenz, dass die Hilfsmittelversorgungen mit immer mehr Bürokratie und Genehmigungsprozessen verbunden sind, der Kundenkontakt kommt dann oft zu kurz. 

Was müsste sich in der Hilfsmittelversorgung dringend ändern?

Die Komponente Zeit: Mehr Zeit für den direkten Kontakt mit den Kindern, mehr Zeit für das Gespräch mit den Eltern, mehr Zeit für den Austausch im Team und mehr Zeit für Reflexion und Evaluierung. 

Wenn du Eltern etwas mitgeben könntest: Was ist dein persönlicher Wunsch oder Rat?

Vertraut auf euer Gefühl! Sprecht es an wenn ihr mit einer Versorgung nicht zufrieden seid. Äußert Bedenken, wenn ihr den Eindruck habt, dass euer Kind die Hilfsmittelversorgung nicht akzeptiert oder gerade etwas anderes braucht. Das Gespür der Eltern ist häufig ein wirklich guter Wegweiser für uns alle. 



Danke, liebe Martina,
für deine Offenheit
und die spannenden Einblicke
in deine Arbeit
und die Leidenschaft,
mit der du Kinder und Familien unterstützt.
🧡

 

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