FiNiFuchs fragt nach
Im Gespräch mit Marie, Kinderphysiotherapeutin und Gründerin von Aktivnest, über kleine Ideen mit großer Wirkung, gelebte Teilhabe und den Mut, neue Wege für Kinder und ihre Familien zu gehen.

„Was mich antreibt, sind diese Momente,
in denen ein Kind plötzlich mitmachen kann.
Wenn es nicht mehr daneben sitzt,
sondern wirklich Teil des Spiels
mit anderen Kindern ist.“
1. Wer bist du?
Stell dich bitte kurz vor: Wer bist du – jenseits von Titel und Funktion?
Hey, ich bin Marie, lebe in Köln und mein Leben ist vielschichtig und bunt. Ich bin Kinderphysiotherapeutin und bin über meine erste Arbeitgeberin in die Welt der Kinderhilfsmittel gekommen. Sie hat mich sehr geprägt und war auch diejenige, die mich ermutigt hat, den Weg mit dem Aktivnest zu gehen.

2. Dein Weg & deine Motivation
Warum tust du, was du tust?
Was mich antreibt, sind diese Momente, in denen ein Kind plötzlich mitmachen kann. Wenn es nicht mehr daneben sitzt, sondern wirklich Teil des aktiven Spieles mit anderen Kindern ist.
Was motivierte dich ganz konkret im Alltag dieses Produkt für dein Kind mit Behinderung zu entwickeln?
Das Aktivnest fühlt sich für mich gar nicht wie ein klassisches Hilfsmittel an. Es liegt einfach im Raum, wie ein Kissen und alle Kinder wollen rein. Ganz selbstverständlich. Und genau dadurch entsteht oft erst die Interaktion. Ich habe das Aktivnest damals in meiner ersten Praxis kennengelernt. Meine Kolleginnen hatten einen Prototypen entwickelt, eigentlich für ihre eigenen Familien. Die Idee war ganz einfach: Das Kind soll damit eine Möglichkeit bekommen, sitzen oder stehen zukönnen, ohne dass es die ganze Zeit von einer erwachsenen Person festgehalten werden muss.
Ich erinnere mich noch gut an die ersten Situationen, in denen ich miterleben durfte, welchen Unterschied dieses Kissen für Kinder macht. Diese Entspannung bei den Kindern und vor allem bei den Eltern. Plötzlich ging etwas, was vorher einfach nicht ging.
Ich wusste relativ schnell: Das sollte nicht nur bei uns in der Praxis bleiben, sondern den Weg auch zu den Kindern finden, die nicht bei uns in der Praxis angebunden waren. Zu den Familien nach Hause, in den Alltag, in die Kita und überall dort, wo es gebraucht wird.
2021 habe ich dann nebenberuflich damit angefangen, einen Onlineshop aufzubauen. Aber es war erstmal ziemlich zäh. Mir haben Kontakte gefehlt, Sichtbarkeit, und ehrlich gesagt auch die Zeit, weil ich parallel noch in Weiterbildungen war. Ende 2023 war ich an dem Punkt, wo ich dachte: Ich lasse es wieder. Und dann haben sich plötzlich Familien gemeldet. Sie hatten vom Aktivnest gehört und wollten es ausprobieren. Das hat mich total überrascht und gleichzeitig war genau das der Moment, in dem ich gemerkt habe: Ich mache weiter. Seitdem wächst es Schritt für Schritt. Gemeinsam mit meiner Schwester Malve, die mit eingestiegen ist. Und ich mache das weiterhin nebenberuflich, weil meine Arbeit als Kinderphysiotherapeutin und Familientherapeutin mit den Familien in meiner eigenen Praxis in Köln einfach ein ganz wichtiger Teil für mich bleibt.
3. Hinter den Kulissen der Entwicklung
Malve, meine Schwester und ich sind die Menschen, die hinter dem Aktivnest stehen und aktuell auch alle Aufgaben selbst erfüllen. Wir haben einen tollen familiären Hintergrund, wowir auf wertvolle Ressourcen zurückgreifen können, wie zum Beispiel bei allen logistischen Fragen angefangen bei Lagerfläche, Verpackung und Versand und dem nötigen Equipment für die Messen, wenn wir mal wieder mit dem Aktivnest quer durch Deutschland unterwegs sind. Wir haben an sich nur das eine Produkt in verschiedenen Variationen in Farbe und Größe und auch die Möglichkeit einer Individualanfertigung. Mir war es von Anfang an wichtig, dass wir die Kissen regional und nachhaltig nähen lassen und dann jeweils zu den Kindern verschicken. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich selbst wieder ein Aktivnest verpacken darf. Ich weiß, dass bei jedem Kissen, dass unser Lager verlässt, mindestens zwei Kinderaugen strahlen werden und das Kind in seinem Nest aktiv werden kann. Für uns ist die aktuelle Herausforderung im Bereich Kinderhilfsmittel eine Hilfsmittelnummer für das Aktivnest zu beantragen. Der bürokratische Akt, der Prozess und die Kosten stellen uns vor neue Herausforderungen, die im normalen Alltag nicht mal eben abgearbeitet werden können und zeitgleich viele viele Fragen und Themen hervorbringen, wie zum Beispiel die Auseinandersetzung damit, welche Vor-und Nachteile dies mit sich bringt und welche Konsequenzen sich daraus für das Aktivnest und uns als Geschäftsführerinnen ergeben.
Kurz gefragt:
Perfektion oder Menschlichkeit?
Menschlichkeit!
Bauchgefühl oder Plan?
Bauchgefühl!
4. Dein Team & eure Philosophie
Was macht euer Team besonders?
Malve & ich - wir als Team sind vielschichtig und nehmen viele verschiedene Rollenhüte am Tag ein. Wir sind Schwestern, Inhaberinnen des Therapiezentrums Köln Süd, unserePraxisgemeinschaft für Heilpädagogik und Kinderphysiotherapie in Köln, sowie dieGründerinnen von Aktivnest. Unser Alltag ist nie langweilig - es kommen immer wieder neue Themen und Aufgaben auf uns zu - daher kann der Schreibtisch, das Lager, die Praxisschon auch mal kreativ-chaotisch aussehen und zeitgleich sind wir strukturiert im Hinblickauf die Zusammenarbeit mit den Familien und die Therapien der Kinder. Uns beide prägtunsere gemeinsame Kindheit, ein tiefes Vertrauen und ein gegenseitiges “sich-lesen-können”. Die Basis unserer Arbeit ist ein bindungsorientierter Blick auf das Kind und seine Entwicklung und die Frage, wie wir gemeinsam aktive Teilhabe ermöglichen können. Hierbei ist das Aktivnest oftmals hilfreich und kann eine wichtige Rolle spielen.
5. Persönlicher Blick
Erinnerst du dich an eine Familie oder ein Kind, bei dem dieses Hilfsmittel etwas verändert hat?
Besonders auf den Messen erlebe ich den Moment oft. Die Eltern möchten das Aktivnest ausprobieren, das Kind ist noch unruhig, gefüllt von den ganzen Messeeindrücken und ich begleite es in seinem Tempo und mache es mit dem Aktivnest vertraut. Und dann tritt der Moment ein. Das Kind ist im Aktivnest angekommen, es realisiert, hier bin ich “sicher” , hier kann ich mich “entfalten” , hier kann ich sitzen, keiner hält mich fest, hier kann ich spielen, ich spüre mich, ich habe zu allen Seiten Begrenzung, das sind die Momente, die mich innehalten lassen und für die ich dankbar bin für diese doch so simple Idee. Und das Schöne ist, das Aktivnest kann mit dem Kind mitwachsen. Diese Momente rühren Malve und mich sehr und bestätigen uns in unser Entscheidung, dem Aktivnest auf Messen eine Bühne zu geben, sodass so viele Kinder und Familien wie möglich davon profitieren können.
Vielen Dank, liebe Marie,
für deine Offenheit, deine inspirierenden
Einblicke und dein Engagement,
Kindern durch einfache Ideen mehr Selbstständigkeit,
Sicherheit und Teilhabe im Alltag zu ermöglichen.
🧡