FiNiFuchs fragt nach

Im Gespräch mit Louisa, Geschäftsführerin von ORFO GmbH,
über Sinn, Verantwortung und die Zukunft der Hilfsmittelversorgung für Kinder.

 

„Ich begleite Kinder und Familien ein Leben lang. 
Durch die vertrauensvolle Basis Hilfsmittel zu schaffen, 
die echte Teilhabe ermöglichen – 
auch dort, wo es zunächst ausweglos erscheint – 
macht mich glücklich.“

1. Wer bist du?


Stell dich bitte kurz vor: 
Wer bist du – und wie bist du ins Sanitätshauswesen gekommen?

Hi, ich bin Louisa, 34 Jahre und mittlerweile Mama von drei Jungs. Geschäftsführerin in zweiter Generation. 
In unserem Familienbetrieb habe ich nach der Schule die Ausbildung zur Orthopädiemechanikerin absolviert. Jede Abteilung habe ich kennengelernt. Eigentlich könnte man sagen – ich bin unter der Werkbank aufgewachsen. 
Das kaufmännische, also mit „Zahlen“ usw. habe ich lieber meinen Bruder Moritz überlassen. Mir hat die Arbeit mit den Kindern mehr Freude bereitet. Diagnosen, Therapien und medizinische Behandlungsmöglichkeiten reizten mich und deshalb habe ich nochmal ein Studium 2014 in Neuroorthopädie abgeschlossen. 

Was hat dich an der Arbeit mit Kindern und ihren Familien besonders gereizt?

Das Unmögliche möglich zu machen. Ich begleite Kinder und Familien ein Leben lang. Durch die vertrauensvolle Basis – Hilfsmittel herzustellen, um damit die Teilhabe zu ermöglichen, die bei manchen Kids ausweglos erscheint, macht mich glücklich. Wir arbeiten interdisziplinär – für eine hohe Lebensqualität am Wohl der Patienten. 

Gab es eine Begegnung, die deinen Blick auf diese Arbeit verändert hat?

Eine Stehversorgung im Kindergarten: Das Mädchen konnte seit Geburt an nicht stehen. Durch unser Hilfsmittel BUKO konnten wir sie zum Stehen auf Augenhöhe bringen. Alle Kinder sind zu ihr und haben gesagt: „Miriam, Miriam du kannst stehen“. Sie war damals 6 Jahre. Sie weinte vor Freude. Wir alle (Erzieherinnen und Therapeutinnen) hatten Tränen in den Augen. 
Dieses Erlebnis hat mich tief berührt. 
Ich habe mich bestätigt gefühlt, dass es sich lohnt bei schwierigen und komplizierten Genehmigungsverfahren zu kämpfen und mit allen Parteien – ich nenne es mal „zu kommunizieren“.

 

2. Arbeitsalltag & Motivation

 

Wie sieht ein typischer Tag bei dir im Sanitätshaus aus?

Kein Tag ist gleich.
Eine Woche zu beschreiben ist einfacher. Ich begleite die orthopädische Sprechstunde im SPZ, um Hilfsmittelkonzepte interdisziplinär zu erstellen. Ich mache Versorgungen im Bereich Reha- Technik und Orthopädietechnik bei uns im Haus. 
Ich habe verschiedene Meetingrunden, sei es mit unserer Entwicklungsabteilung, um Speziallösungen zu finden, oder mit Bereichsleitern, um im Einklang und Austausch zu sein. Ebenso kümmere ich mich um den Austausch mit den Krankenkassen, da leider nicht alles so einfach läuft im Genehmigungsverfahren. Dafür stehe ich auch den Eltern zur Seite, die eigentlich ihre Kräfte für andere Dinge brauchen. 

Was macht dir an deiner Arbeit am meisten Freude?

Funktionierende Konzepte realisiert zu haben, Patienten helfen zu können und das wertschätzende Danke bis in die Werkstätten weitertragen zu können.
Ich liebe die Herausforderung in meinem Beruf. 

Was ist im Alltag besonders herausfordernd?

Es gibt so viele Ideen und Bedürfnisse. Die Bürokratie und die Genehmigungsverfahren bei den Krankenkassen sind sehr anstrengend. Eltern, Therapeutinnen, Ärzte und Technikerinnen haben natürliche ebenfalls ihre eigenen Herangehensweisen. Die alle unter einen Hut zu bekommen und in Einklang zu bringen ist ein enorm hoher Aufwand.  

Gibt es eine Situation, die dich bis heute begleitet?

„Louisa hat dich noch vor Oma auf der Neonatologie kennengelernt“ – das hat eine Mama zu ihrem Sohn gesagt. Das war vor acht Jahren. Ich habe damals Orthesen vermessen. 
Als meine Zwillinge vor zwei Jahren nach der Geburt auf Neo für ein paar Tage gekommen sind, habe ich das alles ganz anders verstanden, was das heißt. Ich bin teilweise so früh in den Familien und erkläre, will Mut machen und Lösungen für die neue Situationen bringen. Das System müsste hier deutlich mehr unterstützen…

 

3. Hinter den Kulissen der Versorgung

 

Wie läuft bei euch die Hilfsmittelversorgung ab?

Grundsätzlich nehmen wir uns viel Zeit. 
Insbesondere für Erstversorgungen und Konzepte. Wir sprechen mit den behandelnden Physios, den Ärzten und schauen uns das häusliche Umfeld an. Über eine strukturierte Anamnese wird jedes Gelenk untersucht, alle Funktionen getestet und unter Berücksichtigung der Diagnose das richtige Hilfsmittel konfiguriert. All das Besprochene wird ausführlich dokumentiert, um der Krankenkasse Einblick und Verständnis zu ermöglichen. 
Wir arbeiten digital. Das heißt, wir nehmen viele Messpunkte, machen einen 3D Scan und eine Fotodokumentation, um dann anschließend eine aussagekräftige Beantragung bei der Krankenkasse zu starten. Erst bei erfolgter Genehmigung startet die Produktion. Dann beginnen die ersten Anproben. Je nach Versorgung kann das mehrere Stunden dauern. 

Was ist dir dabei persönlich besonders wichtig?

Fachkompetenz, Sorgfalt und Transparenz gegenüber Eltern und Krankenkasse. 

Wo braucht es im Prozess besonders viel Geduld?

Für die Erwartungshaltung. Richtige Hilfsmittel zu finden und zu konfigurieren. Herzustellen. Je nach Versorgung braucht es Anproben, in denen es feiner und präziser wird. Ich möchte gerne so wenig wie möglich versorgen. Nur das, was unbedingt muss.

Welche Rolle spielt Teamarbeit bei euch?

Bei uns arbeiten wir als Orthopädietechniker, Physiotherapeuten, Ingenieure, Softwareentwickler und Medizintechniker Hand in Hand zusammen. Wir nutzen unser Schwarmwissen und Leben unser Motto: „gemeinsam aktiv“!

 


Kurz gefragt: 
 

Zuhören oder Erklären?

Zuhören!

Geduld oder Tempo?

Geduld!


Sicherheit oder Mut?

Mut!
 

4. Team & Philosophie

 

Was macht euer Team besonders?

Leidenschaft. Zusammenhalt. Und unsere Vielfalt – in jeglicher Hinsicht.

Wie würdest du eure Haltung oder Philosophie beschreiben?

Unser Motto „gemeinsam aktiv“. Unsere Versorgungen sollen einen echten Unterschied im Alltag der Kinder und ihrer Familien machen.

Was braucht ein gutes Team, um Familien wirklich gut zu begleiten?

Drei Dinge: Fachkompetenz, Zuhören und ein Ziel!
Außerdem unterschiedliche Perspektiven. Zum Beispiel, wenn ein Team Expertise mit Empathie und engem Austausch verbindet, kann es Lösungen schaffen, die nicht nur technisch funktionieren, sondern den Alltag der Kinder und ihrer Familien wirklich verbessert. 

 

5. Persönlicher Blick

 

Gibt es ein Hilfsmittel, das dir besonders im Kopf geblieben ist – weil es Familien den Alltag erleichtert hat?

Ich liebe die Momente, in denen die Kids zum ersten Mal selbstbestimmt durch die Gegend düsen. Deshalb der Aktivrollstuhl. Er kommt leider so häufig zu spät zum Einsatz. An einem Buggy wird manchmal sehr lange festgehalten.

Erinnerst du dich an eine Versorgung, die für eine Familie besonders viel bedeutet hat?

Schlaf ist heilig! Auch für Eltern…
Wir haben eine Schaumstofflagerung in Bauchlage nach Abdruck gefertigt. 
In dieser Position hat das Kind zum ersten Mal richtig entspannt liegen können und somit auch mehrere Stunden am Stück geschlafen. Selbst die Sättigung war sofort deutlich verbessert. 

Was bedeutet dir deine Arbeit ganz persönlich?

„Wissen ist das einzige Gut, das sich vermehrt, wenn man es teilt.“ (Marie von Ebner Eschenbach 1830-1960)
Nach diesem Motto möchte ich immer wieder und wieder beste Lösungen finden und auch darüber hinaus Standards in unserer Branche etablieren. Es gibt leider immer noch zu wenig Leitlinien.

 

6. Ausblick & Botschaft

 

Wie siehst du die Zukunft der Hilfsmittelversorgung für Kinder?

Spezialversorgungen können nicht über pauschale Verträge der Krankenkassen abgedeckt werden. Allgemein braucht die Kinderversorgung mehr Stimme und Sichtbarkeit.

Welche Veränderungen wünschst du dir für die Branche?

Das System der gesetzlichen Krankenkassen folgt einem klaren Prinzip: Leistungen müssen wirtschaftlich sein. Doch Hilfsmittelversorgung für Kinder findet nicht in Tabellen statt und sie entsteht auch nicht am Fließband.
Beantragung und Genehmigung mit Bürokratieabbau. Es gibt sowieso nur wenige Spezialisten in diesem Bereich. 

Wenn du Eltern von Kindern mit Behinderung etwas mitgeben könntest: Was wäre das?

Man wird manchmal mit Informationen überschüttet. Immer auf den Bauch hören! Und zuversichtlich bleiben. 



Vielen Dank, liebe Louisa,
für deine Offenheit und die persönlichen 
Einblicke in deine Arbeit, 
deine Haltung und dein Engagement.
🧡
 

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