FiNiFuchs fragt nach

Im Gespräch mit Lena von Wombly über den Weg von der Mode in die Hilfsmittelwelt, persönliche Motivation und die Frage, warum Kleidung für Kinder mit Behinderung mehr ist als nur ein Alltagsprodukt.

 

„Oft sind es kleine Veränderungen im Schnitt oder bei den Öffnungen, die einen enormen Unterschied machen. Für viele Familien geht es nicht einfach um Kleidung – sondern darum, Pflege, medizinische Versorgung und Alltag überhaupt machbar zu machen.“

1. Wer bist du?


Stell dich bitte kurz vor: Wer bist du – jenseits von Titel und Funktion?

Ich bin Lena, 36 Jahre alt, Mama von einer 2-Jährigen Tochter und Gründerin von Wombly. Ich bin gelernte Bekleidungstechnikerin und schon immer ein Mensch gewesen, der Kleidung nicht einfach nur als Konsumprodukt gesehen hat. Ich liebe besondere Stücke, hochwertige Verarbeitung und Kleidung mit Geschichte. Privat bin ich ein riesiger Vintage- und Second-Hand-Fan und habe früher Stunden damit verbracht, auf Ebay besondere Einzelstücke zu finden und zu ersteigern.
Gleichzeitig habe ich mich in der klassischen Modewelt nie wirklich angekommen gefühlt. Viele große Unternehmen stehen für schnellen Konsum und enorme Müllproduktion — das hat nicht zu meinen eigenen Werten gepasst. Mir war immer wichtig, Dinge zu schaffen, die langlebig, sinnvoll und wirklich wertvoll für Menschen sind.

Wie bist du in die Welt der Kinderhilfsmittel gekommen?

Der Wendepunkt kam durch meine Familie. Meine Stiefschwester brachte ihre Tochter Mila in der 27. Schwangerschaftswoche zur Welt. Sie verbrachten damals eine sehr lange Zeit im Krankenhaus und anfangs war unklar, wie Milas Zukunft aussehen würde.
In dieser Zeit suchte meine Mutter nach passender Kleidung für Frühchen — und stellte fest, dass es in Deutschland kaum Angebote gab. Am Ende musste sie Kleidung aus Großbritannien bestellen. Sie war es auch, die mich auf diesen Missstand aufmerksam gemacht hat.
Das Thema hat mich über Jahre begleitet. Ein paar Jahre später habe ich dann die richtigen Menschen kennengelernt, um den Schritt in die Gründung zu wagen. Anfangs lag unser Fokus stärker auf Frühchenkleidung, doch je mehr wir mit Familien gesprochen haben, desto deutlicher wurde, wie groß der Bedarf insgesamt ist. Heute entwickeln wir vor allem Kleidung und Produkte für Kinder und Teenager mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen.

Was überrascht Menschen oft, wenn sie dich besser kennenlernen?

Ich bin eigentlich eher ruhig und sensibel. Ich beobachte viel, höre genau zu und nehme Emotionen stark wahr. Aber wenn mir etwas wirklich wichtig ist, entwickle ich einen enormen Ehrgeiz und sehr viel Ausdauer. Dann kann ich unglaublich hartnäckig werden und Aufgeben fühlt sich für mich nicht wie eine echte Option an — vor allem nicht, wenn es darum geht, etwas für Kinder und Familien zu verbessern.

 

2. Dein Weg & deine Motivation

 

Warum tust du, was du tust?

Mich motiviert vor allem das Gefühl, mit meiner Arbeit wirklich etwas Sinnvolles beitragen zu können. In der klassischen Modebranche hatte ich oft das Gefühl, Produkte für einen schnellen Konsumkreislauf zu entwickeln. Heute arbeite ich an Dingen, die Familien den Alltag tatsächlich erleichtern können — und das gibt meiner Arbeit eine ganz andere Bedeutung.
Was mich dabei besonders antreibt, ist die enorme Ungleichheit, die es in diesem Bereich gibt. Für die meisten Menschen ist Kleidung selbstverständlich. Wir können jederzeit zwischen unzähligen Onlineshops, Farben, Schnitten und Trends wählen — oft kaufen wir sogar Dinge, die wir eigentlich gar nicht brauchen.

Was motiviert dich ganz konkret im Alltag, Produkte für Kinder mit Behinderung zu entwickeln?

Familien von Kindern mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen haben diese Wahl häufig überhaupt nicht. Oft gibt es maximal einen schlichten weißen Body oder eine graue Jogginghose, die rein funktional gedacht ist. Viele Produkte werden nur auf Vorbestellung gefertigt, was lange Wartezeiten und hohe Preise bedeutet — gerade in Situationen, in denen Kleidung schnell gebraucht wird, zum Beispiel vor einem Krankenhausaufenthalt.
Genau das wollten wir verändern. Deshalb sind wir mit Wombly bewusst ein großes finanzielles Risiko eingegangen und haben Kleidung vorfinanziert, damit Familien Produkte direkt bestellen und innerhalb weniger Tage erhalten können. Für uns war klar: Eltern sollten in belastenden Situationen nicht zusätzlich wochenlang auf passende Kleidung warten müssen.
Unsere Kleidung unterscheidet sich dabei bewusst stark von klassischer Fast Fashion. Wir produzieren hochwertig, langlebig und mit sehr viel Liebe zum Detail innerhalb der EU. Das macht die Herstellung teuer — trotzdem versuchen wir, die Preise möglichst erschwinglich zu halten, weil viele betroffene Familien ohnehin finanziell stark belastet sind.

Gab es auch Momente, in denen du gezweifelt hast – und warum bist du geblieben?

Dieser Spagat ist nicht leicht. Es gab und gibt immer wieder Momente, in denen ich gezweifelt habe — vor allem wirtschaftlich. Ein Unternehmen mit sozialem Anspruch nachhaltig aufzubauen, ist unglaublich herausfordernd. Aktuell verzichte ich selbst als Geschäftsführerin auf ein Gehalt, damit wir Wombly weiterführen können. Aber Aufgeben fühlt sich für mich trotzdem nicht richtig an. Ich weiß, wie wichtig diese Produkte für viele Familien sind — und ich glaube fest daran, dass sich dieser Weg langfristig auszahlen wird.

 

3. Hinter den Kulissen der Entwicklung

 

Wie entsteht bei euch ein neues Hilfsmittel – von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt?

Neue Produkte entstehen bei uns fast immer aus echten Alltagssituationen von Familien. Viele Ideen kommen direkt von Eltern, Pflegekräften oder Therapeut:innen, die uns erzählen, wo Kleidung im Alltag nicht funktioniert oder unnötig kompliziert ist.
Von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt steckt viel Entwicklungsarbeit dahinter. Wir testen Schnitte, Verschlüsse und Materialien oft mehrfach, passen Details an und holen immer wieder Feedback von betroffenen Familien ein. Gerade kleine Dinge wie die Position eines Reißverschlusses oder das Vermeiden von Druckstellen können im Alltag einen enormen Unterschied machen.

Wer ist an diesem Prozess beteiligt?

An diesem Prozess sind neben unserem mittlerweile kleinen Team deshalb auch Familien und Fachpersonen beteiligt. Uns ist wichtig, Produkte zu entwickeln, die wirklich alltagstauglich sind — nicht nur theoretisch funktionieren.

Worauf legt ihr bei Entwicklung und Fertigung besonderen Wert?

Bei der Entwicklung legen wir besonderen Wert auf hochwertige, umweltfreundliche und hautfreundliche Materialien sowie eine sorgfältige Verarbeitung. Produziert wird innerhalb der EU. Unsere Kleidung ist deutlich aufwendiger gefertigt als klassische Fast-Fashion-Produkte, weil viele Funktionen individuell mitgedacht werden müssen.

Was ist bei Hilfsmitteln für Kinder besonders sensibel oder herausfordernd?

Die größte Herausforderung ist für mich, Funktionalität, Ästhetik und Bezahlbarkeit miteinander zu verbinden. Unsere Kleidung soll hochwertig, langlebig und angenehm zu tragen sein, viele Öffnungen oder innovative Verschlusssysteme enthalten und gleichzeitig nicht auf den ersten Blick wie klassische Reha-Kleidung aussehen.
Das macht die Entwicklung und Produktion sehr aufwendig — vor allem, weil wir bewusst innerhalb der EU fertigen und faire Produktionsbedingungen für uns keine Verhandlungssache sind. Unsere Produkte lassen sich deshalb nicht mit einem klassischen Fast-Fashion-Body vergleichen. Leider ist das nicht immer für alle nachvollziehbar.
Trotzdem möchten wir die Kleidung für Familien so erschwinglich wie möglich halten, weil viele ohnehin schon hohe finanzielle Belastungen tragen. Für uns wäre es aber keine Option, die Produkte auf Kosten anderer Menschen oder unter unfairen Bedingungen produzieren zu lassen, nur damit sie günstiger werden.

 


Kurz gefragt: 
 

Perfektion oder Menschlichkeit?

Menschlichkeit!

Sicherheit oder Mut?

Mut!
  

Ruhe oder Tempo?

Ruhe!

 

 

4. Persönlicher Blick

 

Hast du ein Lieblingshilfsmittel aus eurer Produktwelt? Warum gerade dieses?

Ein Lieblingsprodukt zu wählen, fällt mir tatsächlich schwer, weil hinter vielen Produkten besondere Geschichten stehen. Aber ich glaube, unsere adaptiven Bodys liegen mir besonders am Herzen. Sie wirken auf den ersten Blick vielleicht wie ein simples Kleidungsstück, aber dahinter steckt unglaublich viel Entwicklungsarbeit. Gerade für Kinder mit medizinischen Zugängen, Sonden oder erhöhtem Pflegebedarf können sie den Alltag deutlich erleichtern.

Erinnerst du dich an eine Familie oder ein Kind, bei dem dieses Hilfsmittel etwas verändert hat?

Ich erinnere mich besonders an die Rückmeldung einer Familie, deren Tochter dauerhaft auf Sauerstoffversorgung angewiesen ist. Beim An- und Ausziehen herkömmlicher Kleidung musste sie bisher teilweise von der Versorgung getrennt werden — für einen kurzen Moment bedeutete das für das Kind, nicht richtig atmen zu können. Durch unsere angepasste Kleidung wurde das deutlich einfacher und stressfreier.
Solche Situationen machen einem immer wieder bewusst, dass es bei unseren Produkten nicht einfach nur um Kleidung geht. Oft sind es kleine Veränderungen in Schnitt oder Öffnungen, die für Familien einen enormen Unterschied im Alltag bedeuten können.

Gibt es ein Hilfsmittel, das du gerne entwickeln würdest, weil es bisher fehlt oder noch besser sein könnte?

Es gibt trotzdem noch unglaublich viele Produkte, die fehlen oder besser gedacht werden müssten. Gerade für ältere Kinder und Teenager gibt es bisher viel zu wenig schöne und funktionale Kleidung. Viele Angebote hören optisch irgendwo zwischen Krankenhaus und Kleinkind auf — dabei möchten Jugendliche genauso ihren eigenen Stil entwickeln wie alle anderen auch. In diesem Bereich würde ich mir in Zukunft noch viel mehr Möglichkeiten wünschen.
Gleichzeitig merkt man in diesem Bereich schnell, wie viel finanzielle Mittel wirklich notwendig sind, um neue Produkte zu entwickeln. Jede neue Kollektion muss vorfinanziert werden, es braucht zusätzliches Personal, Entwicklungszeit und aufwendige Produkttests. Als kleines Unternehmen können wir das aktuell leider nur sehr begrenzt stemmen, solange keine externen Mittel oder Förderungen dazukommen.
Ein großer Wunsch von uns wäre außerdem, irgendwann eine eigene Kollektion für Kinder und Jugendliche mit Trisomie 21 zu entwickeln, weil auch hier unglaublich viele passende Angebote fehlen. Der Bedarf ist definitiv da — momentan fehlen uns dafür aber noch die finanziellen Möglichkeiten. Ich hoffe sehr, dass wir diesen Schritt irgendwann gehen können.

Wenn du an die Familien denkst, die eure Produkte nutzen: Was wünschst du ihnen?

Wenn ich an die Familien denke, die unsere Produkte nutzen, wünsche ich ihnen vor allem Entlastung, Verständnis und mehr gesellschaftliche Solidarität. Viele Eltern leisten jeden Tag enorm viel und müssen ständig kämpfen, organisieren und mitdenken. Ich wünsche ihnen, dass sie sich gesehen fühlen

 

6. Blick nach vorn & Abschluss

 

Wie siehst du die Zukunft der Kinderhilfsmittel?

Ich wünsche mir für die Zukunft der Kinderhilfsmittel vor allem mehr Selbstverständlichkeit, Vielfalt und echte Nutzerorientierung. Viele Produkte werden noch immer entwickelt, ohne die betroffenen Kinder und Familien wirklich mitzudenken oder einzubinden. Dabei wissen Eltern meistens sehr genau, was im Alltag funktioniert und was nicht.

Welche Entwicklungen oder Trends empfindest du als sinnvoll – und welche eher kritisch?

Ich finde es deshalb sinnvoll, wenn Hilfsmittel und adaptive Produkte zunehmend funktionaler, aber gleichzeitig auch ästhetischer und kindgerechter gedacht werden. Kinder möchten nicht permanent über ihre Erkrankung oder Behinderung definiert werden. Sie möchten Dinge nutzen und tragen können, die zu ihrem Alter, ihrer Persönlichkeit und ihrem Alltag passen.
Kritisch finde ich Entwicklungen, bei denen Inklusion zwar sichtbar kommuniziert wird, Produkte am Ende aber nicht wirklich alltagstauglich sind. Gerade im sozialen Bereich braucht es aus meiner Sicht echte Verantwortung und langfristiges Denken — nicht nur schöne Kampagnen oder kurzfristige Trends.

Was müsste sich in der Hilfsmittelversorgung dringend ändern?

In der Hilfsmittelversorgung müsste sich dringend verändern, dass Familien oft so viel selbst organisieren, kämpfen und finanzieren müssen. Viele Eltern haben ohnehin schon eine enorme Belastung und verbringen zusätzlich unglaublich viel Zeit mit Anträgen, Widersprüchen und der Suche nach passenden Lösungen.
Gleichzeitig fehlt es in vielen Bereichen noch immer an Auswahl, Verfügbarkeit und modernen Produkten.
Ich wünsche mir außerdem mehr gesellschaftliche Solidarität und Sichtbarkeit für betroffene Familien. Kinder mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen sollten nicht ständig das Gefühl bekommen, dass ihre Bedürfnisse eine „Nische“ sind.

Wenn du Eltern etwas mitgeben könntest: Was ist dein persönlicher Wunsch oder Rat?

Ich tue mich ehrlich gesagt etwas schwer damit, Eltern Ratschläge zu geben, weil ich selbst nicht direkt betroffen bin und großen Respekt vor dem habe, was viele Familien jeden Tag leisten. Ich sehe mich eher als stille Unterstützerin im Hintergrund, die versucht, mit dem, was sie gelernt hat, einen kleinen Beitrag zu leisten.
Was ich mir aber wünsche, ist mehr gesellschaftliche Solidarität. Gerade aktuell habe ich eher Sorge, dass sich die politische und soziale Situation für viele Familien verschlechtert, statt verbessert. Dabei bräuchte es aus meiner Sicht genau das Gegenteil: Menschen mit mehr Privilegien, mehr Möglichkeiten und mehr Einfluss sollten ihre Stimme viel stärker für diejenigen nutzen, die oft übersehen werden.
Ich glaube, wir denken gesellschaftlich noch viel zu häufig an eine vermeintliche „Norm“ — obwohl es unglaublich viele Menschen gibt, deren Alltag davon abweicht. Unser Blickwinkel muss sich verändern. Kinder mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen und ihre Familien dürfen nicht ständig das Gefühl haben, eine Randgruppe zu sein, die mitgedacht werden muss, wenn noch Kapazitäten übrig sind.
Und ich glaube, was momentan besonders wichtig ist, ist Gemeinschaft. Dass sich Menschen gegenseitig unterstützen, sichtbar werden und vernetzen. Diese Solidarität und dieses gegenseitige Auffangen können unglaublich viel bewirken — und ich hoffe, dass Wombly ein kleiner Teil davon sein kann.

 



Vielen Dank, liebe Lena,
für deine ehrlichen Einblicke,
deine Offenheit und deine
persönliche Geschichte –
und für deinen Mut,
neue Wege zu gehen und
Versorgung anders zu denken.
🧡

 

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