FiNiFuchs fragt nach

Im Gespräch mit Dennis Bolm von Invent Medical über Innovation, Menschlichkeit und die Zukunft moderner Kinderhilfsmittel.

 

„Qualität vor Preis, 
wenn das Produkt bessere 
Eigenschaften hat und 
die Lebensqualität 
positiver beeinflusst.“

1. Wer bist du?


Stell dich bitte kurz vor: Wer bist du – jenseits von Titel und Funktion?

Ich heiße Dennis Bolm und komme aus Braunschweig. Dennis reicht mir aber, da ich bevorzugt per Du kommuniziere. 😊

Wie bist du in die Welt der Kinderhilfsmittel gekommen?

Ich weiß nicht ob man speziell in die Kinderhilfsmittel-Welt kommt. Als Orthopädietechniker hat man in seiner Laufbahn mit allen Menschen zu tun und je nachdem an welcher Station man angekommen ist, gibt es ein spezielles Klientel. Ich bin da recht pragmatisch, aber habe auch gar nicht mehr so viel mit Patienten an sich zu tun.

Gab es einen Moment oder einen Menschen, der dich besonders geprägt hat?

Bezogen auf die Orthopädietechnik ist wohl der einprägsamste Moment, wenn man in der Ausbildung seine erste Versorgung selbst gebaut hat und dann den Menschen damit laufen sieht. Bezogen auf meine jetzige Position gab es mehrere Faktoren. Die würden aber den Rahmen des Interviews sprengen. 😉

Was überrascht Menschen oft, wenn sie dich besser kennenlernen?

Das habe ich noch niemanden gefragt. 😊 Aber aufgrund dessen, was ich höre, gesagt bekomme, erlebe: Dass ich ein ziemlich nahbarer Mensch und locker im Umgang bin, was auf Distanz, wenn man mich im „falschen“ Moment sieht, ganz anders rüberkommen kann. Da bin ich mir sogar ziemlich sicher. Aber ich bevorzuge es und versuche es, mehr Menschlichkeit im Leben zu leben. Verbindungen sind wichtiger als Distanz und Professionalität. Zumindest außerhalb der Industrie.

 

2. Dein Weg & deine Motivation

 

Warum tust du, was du tust?

Da ist ja doch noch Platz, um ein wenig auszuholen! Ich lebe und liebe Fortschritt, Technologie, Prozessoptimierungen, neue Dinge auszuprobieren, Selbstverantwortlichkeit, Flexibilität, Unkompliziertheit. Mit all diesen Eigenschaften kommt man in einer klassischen Werkstatt ganz schnell an seine Grenzen, weshalb ich daraus ausbrechen musste und auf die andere Seite (den Vertrieb und Support) gewechselt bin.

Was motiviert dich ganz konkret im Alltag, Produkte für Kinder mit Behinderung zu entwickeln?

Wir bei Invent Medical entwickeln Produkte, die einen Mehrwert bieten sollen. Mit neuen Technologien wollen wir die Grenzen der klassischen Orthopädietechnik viel höher setzen und deutlich bessere Eigenschaften schaffen, als es bis vor wenigen Jahren noch möglich war. Therapien verbessern, Menschen glücklicher und mobiler machen.

Welche Werte leiten dich bei deiner Arbeit?

Lernen, Lehren, Weiterentwicklung. Sich selbst treu bleiben und nur die Dinge tun, die man selbst vertritt. 

Gab es auch Momente, in denen du gezweifelt hast – und warum bist du geblieben?

Ich sage es mal so:  Verheiratet bin ich mit der Orthopädietechnik nicht. Gezweifelt habe ich in den letzten Jahren sehr oft. Aber es gibt auch einfach einige Verknüpfungspunkte, in denen ich meine Stärke habe. Und die will ich noch weiterhin ausspielen. Was die Zukunft bringt? Ich lasse mich überraschen.

 

3. Hinter den Kulissen der Entwicklung

 

Wie entsteht bei euch ein neues Hilfsmittel – von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt?

Dafür sind sehr viele Evaluierungen, Schritte und Personen nötig. 

Wer ist an diesem Prozess beteiligt?

Orthopädietechniker, Produktdesigner, Softwareentwickler, Ingenieure, Vertrieb, Kunden, Geschäftsführung, Produktionsleiter uvm.

Worauf legt ihr bei Entwicklung und Fertigung besonderen Wert?

Das es keine Kopie ohne echten Mehrwert ist. Wir legen zum Beispiel Wert auf Funktion, Passform, Haltbarkeit, Gewicht und Design. Aber auch Finanzierbarkeit. Wir entwickeln und fertigen nicht nur für Menge 1, sondern für Menge Unendlich. Entsprechend setzen wir unsere Gelder und Fertigkeiten genau ein.

Welche Materialien oder Technologien nutzt ihr – und warum gerade diese?

Wir setzen so viel wie möglich, aber nicht mehr wie wirklich nötig, im industriellen 3D-Druck um. Dafür nutzen wir das HP MJF Verfahren, ein Sinterverfahren. Gewöhnliche Materialien kommen bei uns nur in sehr kleinen Mengen vor. Das, was andere händisch erledigen, erledigt bei uns am Ende einer Entwicklung ein vollautomatisiertes System (ein Algorithmus) und nur die Endkontrolle von Produktionsdaten sowie die Montagelinie etc., die keine Software erledigen kann, wird händisch durchgeführt. Wir zielen auf Skalierbarkeit und Effizienz ab.

Gibt es etwas, das Eltern überraschen würde, wenn sie sehen könnten, wie eure Produkte entstehen?

Wie strukturiert, systematisch  und aufwendig unsere Produkte gestaltet und geprüft werden. Das ist nicht mit dem, was ein Sanitätshaus macht vergleichbar. Im Fokus eines Produkts ist immer der Nutzen für den Menschen und die Verbesserung seiner Versorgung.

Was ist bei Hilfsmitteln für Kinder besonders sensibel oder herausfordernd?

Da fallen mir direkt Optik, Gewicht und Widerstandsfähigkeit ein. Kinder sollen mobil und agil sein, im gleichen Atemzug sind sie aber auch nicht dafür bekannt, vorsichtig und pfleglich mit ihren bspw. Orthesen umzugehen. Entsprechend müssen sie auch so einiges aushalten. 😉
Unsere Augen bzw. die Augen der Eltern, achten aber auch sehr darauf, dass Produkte schön bzw. modern aussehen. Sie sollen ihre Kinder nicht entstellen oder eingeschränkt aussehen lassen. Außenstehende sollen den Eindruck eines gewöhnlichen Produktes gewinnen und sich höchstens sagen, wie cool das Kind damit doch aussieht.

 


Kurz gefragt: 
 

Perfektion oder Menschlichkeit?

Menschlichkeit!
 

Technik oder Alltagstauglichkeit?

Technik!

Sicherheit oder Mut?

Mut!
 

4. Dein Team & eure Philosophie

 

Was macht euer Team besonders?

Dass alle den Gedanken/den Eindruck haben, dass wir etwas Sinnvolles erschaffen und damit einen wirklichen positiven Effekt auf das Leben von Menschen haben. Es geht nicht nur um Verkauf und Gewinne.

Wie arbeitet ihr zusammen?

Wir sind ein internationales Team, wobei der Hauptstandort und somit auch der Kopf im tschechischen Ostrava liegt. Unsere Standorte in Deutschland und den USA, sowie die weltweiten externen Partner, sind die Fühler und Arme, damit wir so viele Einflüsse wie möglich in unsere Entwicklungen einbeziehen.

Was ist dir im Umgang mit deinen Kolleg:innen besonders wichtig?

Verständnis für beide Seiten zu haben und auch, wenn es mal Meinungsverschiedenheiten gibt oder man nen schlechten Tag hat, weiterhin mit einander zu kommunizieren. Man ist häufig in unterschiedlichen Lebenssituationen und hat auch mal andere Vorstellungen und Interessen. Am Ende ist es wichtig zu vermitteln, dass es nichts persönliches ist.

Worüber wird bei euch im Alltag auch mal gelacht?

Wir scherzen recht häufig über uns selbst. Über Fehler, Tollpatschigkeit, Sprachfehler, das übliche halt. Es ist ein Necken, nichts Ernsthaftes. Und das Gute daran: Alle die austeilen, können auch einstecken. 😉

 

5. Persönlicher Blick

 

Hast du ein Lieblingshilfsmittel aus eurer Produktwelt? Warum gerade dieses?

Ganz klar unser Talee, ein Produkt um lagebedingte Deformitäten der Köpfe von Säuglingen zu behandeln. Ich habe selbst noch als Orthopädietechniker damit gearbeitet; es war ein Produkt was ich bei einem ehemaligen Arbeitgeber eingeführt habe, da wir noch eine alte Variante angewendet hatten. Ich gehörte zu den allerersten Technikern in Deutschland, die diesen Helm angewendet haben. Es hat mir immer Freude gebracht, den Kleinsten etwas Gutes zu tun und ihr Leben positiv beeinflussen zu können. Sicherlich bewegte es mich auch, da ich selbst Vater bin.

Erinnerst du dich an eine Familie oder ein Kind, bei dem dieses Hilfsmittel etwas verändert hat?

Es waren einfach zu viele. 😊

Gibt es ein Hilfsmittel, das du gerne entwickeln würdest, weil es bisher fehlt oder noch besser sein könnte?

Schwierig… spontan fällt mir jetzt nichts ein.

Wenn du an die Familien denkst, die eure Produkte nutzen: Was wünschst du ihnen?

Dass sie damit zufrieden sind, dass wir ihnen helfen konnten/können. Dass wir sie natürlich auch von den altbackenen Versorgungen erlösen konnten, die es schon seit Jahrzehnten in gleicher Art und Weise im Sanitätshaus gibt. 😊

 

6. Blick nach vorn & Abschluss

Wie siehst du die Zukunft der Kinderhilfsmittel?

Wir arbeiten stetig an weiteren Entwicklungen, um besser, schneller, effizienter zu werden. Je mehr Daten wir aus Versorgungen erhalten, desto weiter können wir sie optimieren. Entsprechend wird hier zukünftig sehr viel anonyme Datenanalyse eingebunden, der man sich nicht verschließen sollte. Nur so können wir zukünftig bessere Versorgungen gewährleisten.

Welche Entwicklungen oder Trends empfindest du als sinnvoll – und welche eher kritisch?

Entwicklungen mit Mehrwert für den Patienten finde ich sinnvoll. Als kritisch erachte ich, dass die deutschen Unternehmen und Handwerker sich teilweise gezielt gegenüber neuen Technologien und Fertigungsvarianten verschließen. Aus reinen Eigeninteressen, ohne Blick auf die Versorgungsqualität für die Patienten. Ich mag es nicht, wenn Weiterentwicklung nicht gelebt und nicht angeboten wird.

Was müsste sich in der Hilfsmittelversorgung dringend ändern?

Offenere Kommunikation von neuesten Versorgungsmöglichkeiten gegenüber Patienten, Therapeuten und Ärzten. Abgestimmte Preisabstimmungen und Produktabstimmungen zwischen den Krankenkassen und Innungen. Qualität vor Preis, wenn das Produkt bessere Eigenschaften hat und die Lebensqualität positiver beeinflusst.

Wenn du Eltern etwas mitgeben könntest: Was ist dein persönlicher Wunsch oder Rat?

Erinnert euch immer daran, dass ihr ein freies Wahlrecht des Versorgers habt. Wenn ihr euch irgendwo nicht wohl fühlt, oder den Eindruck habt überrumpelt zu werden, erkundigt euch bei einem weiteren Versorger. Generell muss in keiner Klinik etwas angenommen werden, nur weil es die Klinik so will. Vom freien Wahlrecht wird fast nie etwas erwähnt und dadurch kommen Patienten oftmals nicht zu den Versorgungen, die sie sich halbwegs gewünscht hätten.



Danke, lieber Dennis, 
ür deine Offenheit und 
den authentischen Blick 
hinter die Kulissen deiner Arbeit.
🧡

 

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