FiNiFuchs fragt nach
Im Gespräch mit Charlotte von Mercado Medic über Leidenschaft für Rehatechnik, persönliche Wege und den Blick auf Hilfsmittel, die den Alltag von Kindern wirklich erleichtern.

„Wenn etwas funktioniert
und den Menschen hilft,
ist es für mich
grundsätzlich richtig.“
1. Wer bist du?
Stell dich bitte kurz vor: Wer bist du – jenseits von Titel und Funktion?
Ich bin Charlotte, Niederländerin und seit fast 18 Jahren in Deutschland, also inzwischen auch schon ein bisschen deutsch. Der Grund für meinen Umzug nach Deutschland war mein Ehemann und das ist er immer noch. Inzwischen haben wir zwei Kinder (12 und 10, Mädchen und Junge) und seit zwei Monaten auch eine Katze namens Eva. Ich liebe meine Familie, meine Freunde, meinen Job und die Musik, ich singe sehr gerne unter dem Namen Charlotte la Die.
Wie bist du in die Welt der Kinderhilfsmittel gekommen?
Nach meinem Studium der Ergotherapie an der Fachhochschule in Amsterdam wollte ich eigentlich gerne in der Schmerztherapie oder Handtherapie arbeiten. Mir wurde oft gesagt: Wenn es eine neue Stelle gewesen wäre, hätten sie mich genommen, aber für drei Monate Schwangerschaftsvertretung wollten sie lieber jemanden mit Erfahrung. Deshalb habe ich damals keinen Einstieg in diesem Bereich gefunden.
Dann habe ich mich bei einem Sanitätshaus in Amsterdam, bei Welzorg, beworben. Dort habe ich die Rehatechnik kennengelernt und sie seitdem nicht mehr verlassen. Ich liebe diesen Bereich. Heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich am Anfang einmal so skeptisch darüber gedacht habe.
Gab es einen Moment oder einen Menschen, der dich besonders geprägt hat?
Ich glaube, es gibt im Leben immer mehrere Momente, die einen prägen oder in eine bestimmte Richtung lenken. Ich wurde gemobbt und später (bestimmt auch wegen des Singens) geliebt, habe also alles erlebt. Irgendwie bin ich heute sogar dankbar dafür, wie mein Leben verlaufen ist. Und ich bin auch dankbar, dass ich durch einen Chef in den Vertrieb „geschubst“ wurde. In der Kombination aus Ergotherapie und Vertrieb habe ich meine größte Leidenschaft gefunden.
Was überrascht Menschen oft, wenn sie dich besser kennenlernen?
Dass ich auch schlecht gelaunt sein kann. 😉

2. Dein Weg & deine Motivation
Warum tust du, was du tust?
Ich liebe die Rehatechnik, weil sie Menschen hilft. Sie fordert mich heraus. Und ich mag dieses „Spiel“: Geld für den Inhaber zu verdienen, den Kostenträgern möglichst wenig Kosten zu verursachen und trotzdem den Menschen, der für mich der wichtigste in diesem ganzen System ist, glücklich zu machen.
Was motiviert dich ganz konkret im Alltag, Produkte für Kinder mit Behinderung zu entwickeln?
Das Kind. Der Mensch. Und letztlich deren Happiness.
Welche Werte leiten dich bei deiner Arbeit?
Dass jeder Mensch so sein darf, wie er ist. Und dass jeder sich selbst und andere wertschätzen sollte, genauso, wie er oder sie ist.
Gab es auch Momente, in denen du gezweifelt hast – und warum bist du geblieben?
In Deutschland oder in der Rehatechnik? 😉
Ich bleibe, weil ich ein loyaler Mensch bin. Weil ich immer danach suche, wie etwas besser werden kann. Und weil ich es irgendwie immer schaffe, wieder das Positive herauszukratzen.
3. Hinter den Kulissen der Entwicklung
Wie entsteht bei euch ein neues Hilfsmittel – von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt?
Die Ideen entstehen aus unserer Marktkenntnis und aus dem engen Kontakt zu Kund:innen/Eltern und Therapeut:innen. Unser Vertriebsteam sammelt diese Erfahrungen und Bedarfe aus dem Alltag und bringt sie als neue Ideen ein. Die eigentliche Entwicklung findet dann bei unserem Team in Schweden statt.
Wer ist an diesem Prozess beteiligt?
Vor allem die Produktentwicklung, aber natürlich auch Vertrieb, Therapeut:innen und Anwender:innen, die ihre Erfahrungen und Bedürfnisse einbringen.
Worauf legt ihr bei Entwicklung und Fertigung besonderen Wert?
Funktionalität, Langlebigkeit und Nachhaltigkeit. Außerdem ist uns wichtig, dass die Produktion in Europa stattfindet.
Welche Materialien oder Technologien nutzt ihr – und warum gerade diese?
Wir achten darauf, möglichst nachhaltige Materialien zu verwenden und darauf, dass die Produkte später gut recycelt werden können.
Gibt es etwas, das Eltern überraschen würde, wenn sie sehen könnten, wie eure Produkte entstehen?
Vielleicht, dass immer noch sehr viel Handarbeit dabei ist. Die Produktion ist schwedisch und transparent, es gibt keine versteckten Produktionsstätten. Ich arbeite gerade daran, Videos zu erstellen, um das alles zeigen zu können. Also folgt auf jeden Fall unserem Instagram-Kanal!
Was ist bei Hilfsmitteln für Kinder besonders sensibel oder herausfordernd?
Letztlich gilt für alle Menschen das Gleiche: Sie sollen sich wohlfühlen und mithilfe des Hilfsmittels das tun können, was sie tun möchten. Bei Produkten für Kinder ist zusätzlich wichtig, dass sie mitwachsen können.
Kurz gefragt:
Perfektion oder Menschlichkeit?
Menschlichkeit!
Technik oder Alltagstauglichkeit?
Alltagstauglichkeit!
Sicherheit oder Mut?
Mut!
Bauchgefühl oder Plan?
Bauchgefühl!
Ruhe oder Tempo?
Tempo mit Ruhephasen!
Tüfteln oder Zuhören?
Zuhören!
4. Dein Team & eure Philosophie
Was macht euer Team besonders?
Wir passen gut zusammen und haben auch persönlich einen sehr guten Kontakt.
Wie arbeitet ihr zusammen – eher kreativ-chaotisch oder strukturiert und technisch?
Tja … frag mal die anderen. 😉
Manchmal so, manchmal so.
Was ist dir im Umgang mit deinen Kolleg:innen besonders wichtig?
Respekt und Wertschätzung.
Worüber wird bei euch im Alltag auch mal gelacht?
Über ganz vieles. Lachen ist das Beste für die Arbeit.
5. Persönlicher Blick
Hast du ein Lieblingshilfsmittel aus eurer Produktwelt? Warum gerade dieses?
Nicht direkt ein Lieblingshilfsmittel. Aber ich bin sehr stolz darauf, dass mein Ehemann und ich das Hochklappsystem des Fußbretts bei z. B. unseren Elektrorollstühlen entwickelt haben. Für die Kinderwelt finde ich unseren REAL 9000 PLUS Kind einfach super.
Erinnerst du dich an eine Familie oder ein Kind, bei dem dieses Hilfsmittel etwas verändert hat?
Auf jeden Fall. Ich erinnere mich an sehr viele Situationen und das erfüllt mein Herz jedes Mal mit Freude.
Gibt es ein Hilfsmittel, das du gerne entwickeln würdest, weil es bisher fehlt oder noch besser sein könnte?
Ja, Ideen gibt es immer. Aber mit dem, was aktuell vorhanden ist, kommen wir schon sehr gut zurecht und außerdem gibt es viele tolle Produkte auf dem Markt.
Wenn du an die Familien denkst, die eure Produkte nutzen: Was wünschst du ihnen?
Selbstständigkeit und Glück und als Ergotherapeutin bedeutet Selbstständigkeit auch, um Hilfe bitten zu können.
6. Blick nach vorn & Abschluss
Wie siehst du die Zukunft der Kinderhilfsmittel?
Ich denke, dass die Reha-Branche trotz des ganzen Chaos in der Welt relativ stabil ist. Natürlich gibt es immer Wellenbewegungen, aber ich hoffe, dass sie sich in Grenzen halten. Vorhersagen kann ich das leider nicht.
Welche Entwicklungen oder Trends empfindest du als sinnvoll – und welche eher kritisch?
Ich finde es gut, wenn Erfahrungen gesammelt und gebündelt werden, sodass Einzelfälle keine Einzelfälle mehr bleiben und man daraus lernen kann. Gleichzeitig weiß ich durch mein multikulturelles Leben und meine Arbeitserfahrung, dass es in jedem Land, jeder Region und sogar in jeder Familie oder Praxis unterschiedliche Meinungen zu bestimmten Themen gibt. Solange etwas funktioniert und den Menschen hilft, ist es für mich grundsätzlich richtig.
Was müsste sich in der Hilfsmittelversorgung dringend ändern?
Die Bürokratie. Aber das wirkt manchmal wie eine Utopie. Vielleicht zumindest kürzere Wartezeiten.
Vielen Dank, liebe Charlotte,
für deine ehrlichen Einblicke,
deine Offenheit und deine
persönliche Geschichte –
und für deine Leidenschaft,
mit der du dich jeden Tag
für Kinder und ihre Möglichkeiten einsetzt.
🧡