FiNiFuchs fragt nach

Anna Lichtmann, Geschäftsleiterin Individual beim VitalCentrum Hodey, über Haltung, Verantwortung und die Zukunft der Hilfsmittelversorgung für Kinder.

 

„Nur wenn alle an einem Strang ziehen, 
können wir die beste Lösung 
für das Kind finden.“

1. Wer bist du?


Stell dich bitte kurz vor: 
Wer bist du – und wie bist du ins Sanitätshauswesen gekommen?

Hi, ich bin Anna und leite bei HODEY den Bereich Individual. Das heißt: Ich verantworte die Orthopädietechnik, den Sonderbau, die Prothetik, die Schuhtechnik und unsere Physiotherapie. Besonders am Herzen liegt mir dabei unsere Marke Hodey Kids - Orthopädietechnik für Kinder. Seit März 2024 bin ich nun bei HODEY – also mittlerweile fast zwei Jahre.
Ehrlich gesagt bin ich als absolute Quereinsteigerin ins Sanitätshauswesen gekommen. Nach meinem Master in Wirtschaftsingenieurwesen habe ich zwölf Jahre in der Lebensmittelindustrie als leitende Mitarbeiterin gearbeitet. Irgendwann wollte ich etwas ganz Anderes machen – etwas, bei dem ich Menschen direkt helfen und etwas bewegen kann. Im Sanitätshaus sehe ich sofort die Ergebnisse meiner Arbeit – und ich bekomme die Dankbarkeit direkt von unseren Kunden zurück. Das hat mich total fasziniert. 

Was hat dich an der Arbeit mit Kindern und ihren Familien besonders gereizt?

Die Erfolge, die ich bei den Versorgungen miterleben darf. Und es beeindruckt mich immer wieder, mit wie viel Empathie und Freude mein Team an die Sache herangeht. Es macht richtig Spaß, das mitzuerleben. Wir bauen zu vielen Familien eine persönliche Beziehung auf – und alle im Team gehen mit viel Leidenschaft an die Arbeit. Diese Hingabe und die positiven Rückmeldungen der Familien motivieren uns jeden Tag aufs Neue.

Gab es eine Begegnung, die deinen Blick auf diese Arbeit verändert hat?

Keine einzelne Begegnung, aber eine Erkenntnis, die mich wirklich bewegt hat: Ich hatte vorher keine Vorstellung davon, wie schwer es für viele Familien ist, die dringend benötigten Hilfsmittel für ihre Kinder zu bekommen. Der bürokratische Aufwand ist enorm und ich sehe, wie sehr die Familien darunter leiden. Manche Vorgänge ziehen sich über Monate hin, und Kinder müssen viel zu lange auf ihre Hilfsmittel warten. Das macht mich wirklich traurig. Hier muss sich dringend etwas ändern.

 

2. Arbeitsalltag & Motivation

 

Wie sieht ein typischer Tag bei dir im Sanitätshaus aus?

Sehr unterschiedlich – und genau das macht die Aufgabe so spannend. Kein Tag gleicht dem anderen. Hauptsächlich beschäftigen wir uns natürlich mit den Versorgungen, aber auch strategische Themen und Innovationen stehen bei uns ganz oben. Täglich arbeiten wir auch daran, unsere Prozesse zu optimieren. Das hält uns auf Trab und sorgt dafür, dass es nie langweilig wird.

Was macht dir an deiner Arbeit am meisten Freude?

Gemeinsam im Team an Lösungen und neuen Ideen zu arbeiten. Ich liebe es, wenn wir unsere internen Prozesse verbessern – und dann auch wirklich sehen, dass es besser läuft. Aber am schönsten ist es, den Sinn hinter der Arbeit zu erkennen: die Zusammenarbeit im Team und am Ende die glücklichen Kinder und Familien. Das gibt mir das Gefühl, etwas wirklich Wichtiges zu tun.

Was ist im Alltag besonders herausfordernd?

Ganz klar: die Bürokratie im Zusammenhang mit den Kostenträgern. Die Genehmigungsprozesse sind oft langwierig und kompliziert. Das belastet nicht nur uns, sondern vor allem die Familien. Und dann ist da noch der Fachkräftemangel – es wird immer schwieriger, qualifizierte Mitarbeitende zu finden, die mit der gleichen Leidenschaft bei der Sache sind.

Gibt es eine Situation, die dich bis heute begleitet?

Da ich noch nicht so lange im Sanitätshauswesen tätig bin, habe ich aktuell keine Geschichte auf Lager, die mich seit Jahren begleitet. Aber jede Versorgung, bei der ich sehe, wie ein Kind durch ein Hilfsmittel plötzlich neue Möglichkeiten bekommt, hinterlässt bei mir einen bleibenden Eindruck.

 

3. Hinter den Kulissen der Versorgung

 

Wie läuft bei euch die Hilfsmittelversorgung ab?

Wir haben einen klaren Prozess, an den wir uns alle halten – und das Beste: Bei uns läuft alles digital. Wir verzichten komplett auf Papier. Unsere Versorgungen starten immer mit einer ausführlichen Beratung und dem Kennenlernen der Familie. Danach führen wir eine gründliche Anamnese durch und beraten die Familie ganzheitlich. Oft arbeiten wir eng mit Sozialpädiatrischen Zentren, Schulen, Therapeuten und Einrichtungen zusammen, sodass auch die behandelnden Ärztinnen/Ärzte und Therapeutinnen/Therapeuten direkt vor Ort sind. Gemeinsam wählen wir dann die passenden Hilfsmittel aus. Wenn nötig, führen wir Erprobungen durch oder fertigen die Hilfsmittel individuell in unserer Werkstatt an. Zwischendurch gibt es immer wieder Testphasen, damit wir auch wirklich das passende Hilfsmittel für das Kind bestellen oder fertigen können. Das alles passiert natürlich erst, wenn wir die Genehmigungen der Krankenkassen erhalten haben.

Was ist dir dabei persönlich besonders wichtig?

Eine gute Zusammenarbeit mit allen Beteiligten – der Familie, den Ärzten und den Therapeuten. Und dass die Versorgung des Kindes immer im Mittelpunkt steht. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, können wir die beste Lösung für das Kind finden.

Wo braucht es im Prozess besonders viel Geduld?

Definitiv beim Genehmigungsprozess. Das ist oft der Punkt, an dem alles ins Stocken gerät. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, die Beratung ist abgeschlossen, die Hilfsmittel sind ausgewählt – und dann heißt es: warten. Warten auf die Krankenkasse, auf Rückfragen, auf Genehmigungen. Das erfordert von allen Beteiligten viel Geduld.

Gibt es etwas, das Eltern oft nicht wissen?

Ja, der gesamte Prozess der Hilfsmittelversorgung ist vielen Eltern nicht klar. Es fehlt oft das Verständnis dafür, warum alles so lange dauert und welche Schritte notwendig sind. Deshalb haben wir uns jetzt eine super Broschüre über RehaKind bestellt, in der alles detailliert für Eltern aufgelistet ist. Diese werden wir zukünftig an die Familien herausgeben, damit sie besser nachvollziehen können, was im Hintergrund passiert.

Welche Rolle spielt Teamarbeit bei euch?

Das Team ist das Wichtigste bei uns. Unser Team funktioniert wie ein Zahnrad – und ohne ein einziges Teammitglied würde die ganze Prozesskette nicht funktionieren. Jeder hat seine Rolle, und nur wenn alle zusammenarbeiten, können wir den Familien wirklich helfen.

 


Kurz gefragt: 
 

Büro oder Außendienst?

Büro!

Struktur oder Flexibilität?

Struktur!


Telefon oder persönliches Gespräch?

Persönliches Gespräch!
 

4. Team & Philosophie

 

Was macht euer Team besonders?

Wir haben einen sehr starken Zusammenhalt und arbeiten mit Leidenschaft an unseren Themen. Wir lachen viel zusammen, und ja, manchmal fließen auch Tränen – aber am Ende unterstützen wir uns alle gegenseitig und setzen uns füreinander ein. Dieser Zusammenhalt macht uns stark.

Wie würdest du eure Haltung beschreiben?

Immer im Sinne des Kindes handeln – mit einer ganz klaren Mission: ein leichteres Leben ermöglichen! Das ist unser Antrieb, und daran orientieren wir uns bei jeder Entscheidung.

Was braucht ein gutes Team, um Familien wirklich gut zu begleiten?

Ganz klar: Empathie und ein tiefes Verständnis für die Prozesse und die unterschiedlichen Versorgungen. Man muss sich in die Situation der Familien hineinversetzen können – und gleichzeitig fachlich top aufgestellt sein. Nur so kann man wirklich helfen.

Worüber wird bei euch im Team auch mal gelacht?

Über uns selbst und auch mal über kleine Missgeschicke. 😉 Wir nehmen uns nicht zu ernst und können auch über uns selbst lachen – das lockert den Alltag auf und schweißt uns zusammen.
 

 

5. Persönlicher Blick

 

Gibt es ein Hilfsmittel, das dir besonders im Kopf geblieben ist?

Ja, da gibt es eine Geschichte, die mich sehr berührt hat: Ein zweijähriger Junge, der ohne Hand geboren wurde, wollte unbedingt Laufrad fahren. Wir haben ihm eine Handprothese mit einem speziellen Adapter gebaut, damit er das Laufrad festhalten kann. Es war wunderschön zu sehen, wie der Kleine aufs Laufrad gestiegen ist und sich riesig gefreut hat. Solche Momente zeigen mir, warum wir diese Arbeit machen.

Erinnerst du dich an eine Versorgung, die für eine Familie besonders viel bedeutet hat?

Für Eltern ist jede Versorgung, die dem Kind das Leben erleichtert, von großer Bedeutung. Jedes Hilfsmittel, das einem Kind mehr Selbstständigkeit oder Mobilität schenkt, ist für die Familie ein riesiger Schritt. Deshalb nehmen wir jede Versorgung ernst und geben immer unser Bestes.

Was bedeutet dir deine Arbeit ganz persönlich?

Menschen das Leben leichter zu machen und Erfolge zu sehen – das bedeutet mir unglaublich viel. Ich sehe den Sinn in meiner Arbeit – und das ist einer der wichtigsten Punkte für mich.

 

6. Ausblick & Botschaft

 

Wie siehst du die Zukunft der Hilfsmittelversorgung für Kinder?

Ich hoffe sehr, dass sich in unserer Branche etwas bewegt und die Bürokratie deutlich abgemildert wird. Die Familien brauchen schnellere und unkompliziertere Prozesse. Wenn wir es schaffen, die Hürden abzubauen, können wir noch viel mehr Kindern helfen.

Welche Veränderungen wünschst du dir für die Branche?

Ganz klar: einfachere Prozesse, weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen und weniger Papier. Die Digitalisierung ist ein wichtiger Schritt, aber wir müssen auch die Strukturen bei den Kostenträgern modernisieren. Kinder sollten nicht monatelang auf ihre Hilfsmittel warten müssen.

Was läuft aus deiner Sicht gut – und was weniger?

Es gibt viele Innovationen und ständig Neuerungen auf dem Markt – das ist super für die Kinder. Die Technik entwickelt sich rasant weiter, und wir haben heute Möglichkeiten, die vor ein paar Jahren noch undenkbar waren. Was weniger gut läuft, ist die Bürokratie und die Genehmigungspraxis.

Wenn du Eltern von Kindern mit Behinderung etwas mitgeben könntest: Was wäre das?

Geduld und dranbleiben. Nicht aufgeben, auch wenn es manchmal frustrierend ist. Ihr seid nicht allein – wir sind an eurer Seite und kämpfen mit euch für die bestmögliche Versorgung eurer Kinder.



Vielen Dank, liebe Anna,
für das offene Gespräch und
deine ehrlichen Einblicke in deine Arbeit, 

Haltung und deine tägliche Motivation 
für die Hilfsmittelversorgung.
🧡

 

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