FiNiFuchs fragt nach

Im Gespräch mit Andrea Staus von RehaNorm über Verantwortung, Haltung und die Zukunft der Hilfsmittelversorgung für Kinder.

 

„Ich habe nie gezweifelt. 
Die RehaNorm und 
mein Team ist und 
bleibt mein größter Spaß.“

1. Wer bist du?


Stell dich bitte kurz vor: Wer bist du – jenseits von Titel und Funktion?

Mein Name ist Andrea Staus. Ich habe eine erwachsene Tochter, leider noch keine Enkel 😊, und werde bald 57 Jahre alt.

Wie bist du in die Welt der Kinderhilfsmittel gekommen?

Ich bin in die Welt der Kinderhilfsmittel gekommen, weil ich 2019 die große Chance, Freude und Gelegenheit hatte, die RehaNorm GmbH & Co. KG mit Sitz in Bingen zu kaufen.

Gab es einen Moment oder einen Menschen, der dich besonders geprägt hat?

Ich war früher als betriebswirtschaftliche Unternehmensberaterin tätig, und in diesem Job haben mich viele Menschen und Momente geprägt. Dort habe ich vor allem gelernt, was ich in meinem eigenen Unternehmen nicht machen würde – angefangen bei der Personalführung bis hin zum Umgang mit unseren Kund:innen.

Was überrascht Menschen oft, wenn sie dich besser kennenlernen?

Die meisten Menschen unterschätzen mich 😊, weil ich mir Dinge und Situationen zunächst in Ruhe anschaue und erst dann urteile bzw. Maßnahmen ergreife.

 

2. Dein Weg & deine Motivation

 

Warum tust du, was du tust?

Ich liebe mein Unternehmen und mein Team. Ich kann dort meine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse, meine Ideen und Vorstellungen einbringen und habe ein super kreatives Team, das diese (manchmal spinnerten Ideen 😊) umsetzt.

Was motiviert dich ganz konkret im Alltag, Produkte für Kinder mit Behinderung zu entwickeln?

Meine Motivation liegt darin, bei jeder Messe und bei jedem Kundenkontakt zu sehen, wie wir Kindern mit unseren Hilfsmitteln helfen können. Zu erleben, wie Eltern oft mit Tränen in den Augen dastehen und sich freuen, dass ihr Kind im Gravity Chair nach einer schmerzhaften, von Krämpfen geplagten Nacht endlich Ruhe findet. Diese Momente machen mich glücklich!

Welche Werte leiten dich bei deiner Arbeit?

Klarheit, Respekt und Vertrauen leiten mich bei meiner Arbeit. So bin ich 2019 bei meinem Team angetreten – und diese Werte leben wir mittlerweile alle.

Gab es auch Momente, in denen du gezweifelt hast – und warum bist du geblieben?

Ich habe nie gezweifelt. RehaNorm und mein Team sind und bleiben mein größter Spaß.

 

3. Hinter den Kulissen der Entwicklung

 

Wie entsteht bei euch ein neues Hilfsmittel – von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt?

Da wir viel Sonderbau machen, sind die Schritte relativ klar vorgegeben. Nachdem mein Außendienst die Anamnese gemeinsam mit dem Kollegen aus dem Sanitätshaus durchgeführt hat, geht es los: Es wird ein Abdruck gemacht, gescannt, gefräst, anprobiert, ggf. geändert und anschließend fertiggestellt. Wir versuchen, alle Schritte so schnell wie möglich umzusetzen, damit die Sitz- oder Liegeschale – oder welches Hilfsmittel auch immer – so schnell wie möglich beim Kunden ankommt. Wir wissen um die Abhängigkeit von unseren Produkten.

Wer ist an diesem Prozess beteiligt?

Im Wesentlichen unser Außendienst, aber natürlich auch die Werkstatt, denn dort wird produziert.

Worauf legt ihr bei Entwicklung und Fertigung besonderen Wert?

Wir legen großen Wert auf Sicherheit und eine komfortable Nutzung unserer Produkte. Allerdings muss man wissen, dass gerade eine Sitzschale immer nur der bestmögliche Kompromiss sein kann.

Welche Materialien oder Technologien nutzt ihr – und warum gerade diese?

Wir nutzen verschiedene Arten von Schaumstoffen und arbeiten mit Scantechnik. Das macht die Passform einer Schale noch genauer und komfortabler.

Gibt es etwas, das Eltern überraschen würde, wenn sie sehen könnten, wie eure Produkte entstehen?

Ich denke, Eltern wären überrascht zu sehen, wie detailverliebt meine Kolleg:innen in der Werkstatt sind. Jede Schale wird wie ein eigenes kleines „Baby“ behandelt.

Was ist bei Hilfsmitteln für Kinder besonders sensibel oder herausfordernd?

Wir machen gerne bunte Hilfsmittel, weil wir glauben, dass Hilfsmittel nicht nur funktional und passend sein müssen. Sie sollen auch schön sein und auf den ersten Blick nicht sofort als Hilfsmittel erkennbar.

 


Kurz gefragt: 
 

Perfektion oder Menschlichkeit?

Menschlichkeit!
 

Technik oder Alltagstauglichkeit?

Alltagstauglichkeit!

Sicherheit oder Mut?

Mut!
 

Bauchgefühl oder Plan?

Bauchgefühl!
 

Ruhe oder Tempo?

Ruhe!

Tüfteln oder Zuhören?

Zuhören!


Was sollte man über deinen Beruf unbedingt wissen?

Jeder Beruf sollte Spaß machen und Erfüllung bringen. In unserer Branche ist Empathie und Kreativität gefragt.
 

4. Dein Team & eure Philosophie

 

Was macht euer Team besonders?

Mein Team zeichnet sich durch seine Kreativität und die langjährige, leidenschaftliche Arbeit in unserem Betrieb aus. Viele sind schon seit über 20, zum Teil sogar über 40 Jahre bei uns. Sie haben mittlerweile eher eine Inventarnummer als eine Personalnummer.

Wie arbeitet ihr zusammen – eher kreativ-chaotisch oder strukturiert und technisch?

Wir arbeiten definitiv kreativ-chaotisch zusammen 😊. Nur unsere QM-Beauftragte tut alles dafür, Struktur ins Unternehmen zu bringen – und zum Glück gelingt ihr das auch!

Was ist dir im Umgang mit deinen Kolleg:innen besonders wichtig?

Mir ist ein respektvoller Umgang sehr wichtig. Lügen oder Ausreden werden bei uns überhaupt nicht geduldet. Lieber sagt man die Wahrheit und nimmt einmal ein Donnerwetter in Kauf, als zu versuchen, sich herauszureden. Diese Haltung pflegen wir auch im Umgang mit unseren Kund:innen.

Worüber wird bei euch im Alltag auch mal gelacht?

Bei uns wird ständig gelacht! Rund 70 % unserer Mitarbeitenden sind nicht deutschsprachig aufgewachsen. Da kannst du dir vorstellen, wie Begriffe manchmal „umschrieben“ werden und was dabei herauskommt 😊😊😊. Einer unserer Kollegen hat grundsätzlich nur Blödsinn im Kopf. Beim Umbau unserer Toilette hat er einem Besen eine Mütze aufgesetzt, aus Schaumstoff einen Kopf gefräst, ihn angemalt und in den Eingang zur Toilette gestellt. Jede Person, die hineinging, bekam fast einen Herzinfarkt 😊😊😊. Ich selbst habe mich jeden Tag aufs Neue erschrocken – sogar noch nach einer Woche!

 

5. Persönlicher Blick

 

Hast du ein Lieblingshilfsmittel aus eurer Produktwelt? Warum gerade dieses?

Oh ja – mein Lieblingshilfsmittel ist der Gravity Chair. Beim Gravity Chair kann sich unsere Näherei so richtig austoben. Da wird schon mal ein Gravity als Kuh, Prinzessin oder Frosch „verkleidet“. Außerdem ist der Gravity Chair ein Hilfsmittel, das Kindern extrem hilft, zu entspannen und einmal woanders zu sitzen als im Rollstuhl oder auf dem Therapiestuhl. Der Gravity Chair ist einfach toll!

Erinnerst du dich an eine Familie oder ein Kind, bei dem dieses Hilfsmittel etwas verändert hat?

Ich erinnere mich zum Beispiel an den kleinen Luki, der bei eurem Weihnachtsspiel einen Gravity Chair gewonnen hat. Seine Eltern waren kurz vor Weihnachten bei uns in Bingen und haben ihn abgeholt. Luki hat sofort gestrahlt, als er im Gravity saß, und sich unglaublich gefreut.

Gibt es ein Hilfsmittel, das du gerne entwickeln würdest, weil es bisher fehlt oder noch besser sein könnte?

Ich glaube, auf dem Hilfsmittelmarkt gibt es bereits extrem viel. Das sehe ich immer wieder – völlig beeindruckt – auf der Rehacare in Düsseldorf. Tatsächlich fällt mir nichts ein, was es noch zusätzlich bräuchte. Ich denke vielmehr, dass wir unsere bestehenden Hilfsmittel noch besser und schöner machen können. Aber das ist alles nicht so einfach 😊.

Wenn du an die Familien denkst, die eure Produkte nutzen: Was wünschst du ihnen?

Den Familien, die unsere Hilfsmittel nutzen, wünsche ich natürlich viel Freude und echte Unterstützung im Alltag. Über Verbesserungsvorschläge und Anregungen freue ich mich jederzeit.

 

6. Blick nach vorn & Abschluss

Wie siehst du die Zukunft der Kinderhilfsmittel?

Hilfsmittel wird es immer brauchen – davon bin ich überzeugt. Sicherlich wird in Zukunft vieles durch KI unterstützt werden, doch Hilfsmittel entstehen nicht allein digital. Es wird auch weiterhin Menschen brauchen, die sie entwickeln, bauen und individuell auf das jeweilige Krankheitsbild anpassen.

Welche Entwicklungen oder Trends empfindest du als sinnvoll – und welche eher kritisch?

Ich sehe es kritisch, sich zu stark auf KI zu verlassen. Hilfsmittel brauchen menschliches Wissen, Erfahrung und Empathie. Technik kann unterstützen, aber sie kann den Menschen nicht ersetzen.

Was müsste sich in der Hilfsmittelversorgung dringend ändern?

Es darf nicht sein, dass Eltern sechs Monate oder länger auf eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse warten müssen. Der Zugang zu notwendigen Hilfsmitteln sollte deutlich einfacher und schneller werden.

Wenn du Eltern etwas mitgeben könntest: Was ist dein persönlicher Wunsch oder Rat?

Ich habe selbst das Glück, ein gesundes Kind zu haben, und empfinde es als anmaßend, Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen Ratschläge zu erteilen.



Danke, liebe Andrea, 
für deine Offenheit und 
die ehrlichen Einblicke in deine Arbeit 
und die Werte, 
für die RehaNorm steht.
🧡

 

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