
Essen wie wir sind
Mit einem Kind mit Behinderung am Tisch
Ein Tisch, ein Teller, ein Löffel – und jede Menge Mut. Wenn Kinder mit Behinderung essen lernen, geht es um weit mehr als Nahrung: Es geht um Selbstvertrauen, Zugehörigkeit und den Mut, Dinge auf eigene Weise zu tun. Im folgenden Artikel zeigen wir dir Wege auf, wie Essen mit einem Kind mit Behinderung gelingen kann – mit passenden Hilfsmitteln, alltagstauglichen Tipps und ganz viel Herz am Tisch.
Wenn Essen zur Übung wird
Viele Kinder mit Behinderung lernen das Essen langsamer oder auf eine andere Weise als Gleichaltrige. Das beginnt häufig schon bei der Einführung fester Nahrung. Einige Kinder haben Schwierigkeiten mit dem Kauen oder Schlucken, reagieren empfindlich auf bestimmte Texturen oder Temperaturen oder sind unsicher beim Umgang mit Besteck. Andere haben wenig Kraft in Händen oder Armen und können Löffel und Gabel kaum halten.
Eltern erleben in dieser Phase oft eine Gratwanderung: Einerseits möchten sie ihr Kind fördern, andererseits wollen sie das Essen nicht zu einem ständigen Trainingsfeld machen. Gerade das gelingt besser, wenn kleine Schritte im Vordergrund stehen – und jedes Erfolgserlebnis, so unscheinbar es wirkt, gesehen und gefeiert wird.
Therapeut:innen, etwa aus der Ergotherapie oder Logopädie, unterstützen beim Aufbau der Mundmotorik oder bei der Koordination von Hand- und Armbewegungen. In vielen Sozialpädiatrischen Zentren oder Frühförderstellen wird gezielt geübt, wie Kinder mit Behinderung sicherer essen und trinken können.
Zuhause: Routine und Anpassung
Im Alltag zuhause zeigt sich, wie stark die Umgebung beeinflusst, ob ein Kind entspannt essen kann. Ein gewöhnlicher Hochstuhl ist oft zu wackelig oder bietet zu wenig Halt. Stabile Sitzsysteme mit angepasster Tischhöhe oder Stützen für Rumpf und Füße geben Sicherheit und verhindern, dass das Kind schnell ermüdet. Auch kleine Hilfsmittel machen einen großen Unterschied: rutschfeste Unterlagen, Teller mit hohem Rand oder angewinkelte Löffel, die es ermöglichen, selbständig zu essen.
Viele Eltern berichten, dass feste Rituale helfen – etwa immer am gleichen Platz zu sitzen oder das Geschirr gemeinsam auszusuchen. Essen soll kein Leistungstest werden, sondern ein Moment, in dem das Kind Teil der Familie ist, auch wenn es mehr Unterstützung braucht.
Unterwegs, bei Freunden oder im Restaurant
Draußen essen – im Café, bei Freunden oder bei den Großeltern – bedeutet für viele Familien zusätzlichen Stress. Nicht jede Umgebung ist barrierefrei, nicht jedes Restaurant hat Platz für Hilfsmittel oder Verständnis für langsameres Tempo. Oft sind es laute Geräusche, Gerüche oder Licht, die Kinder mit sensorischer Empfindlichkeit überfordern.
Hier hilft Vorbereitung. Wer weiß, dass das Kind bestimmte Texturen oder Geschmäcker ablehnt, kann vertraute Snacks mitnehmen. Eine kleine Tasche mit Besteck, Becher oder rutschfester Unterlage ist unterwegs Gold wert. In Restaurants lohnt es sich, das Personal freundlich vorzubereiten – oft sind Menschen offen, wenn sie verstehen, warum ein Kind etwas mehr Zeit oder andere Speisen braucht.
Bei Besuchen bei Großeltern oder Freunden hilft ein kurzer Austausch im Vorfeld: Welche Konsistenzen gehen? Welche Hilfsmittel braucht das Kind? Und vielleicht das Wichtigste: die Einladung, das Essen so zu gestalten, dass es für alle schön bleibt. So müssen Eltern nicht ständig „erklären“ oder sich rechtfertigen, und das Kind kann die Zeit einfach genießen.
Hilfsmittel, die Selbstständigkeit ermöglichen
Damit ein Kind mit Behinderung beim Essen möglichst viel selbst tun kann, gibt es eine Vielzahl an Hilfsmitteln. Sie sollen unterstützen, ohne zu überfordern – und so gestaltet sein, dass sie sich leicht in den Alltag integrieren lassen. Hier einige bewährte Beispiele:
1. Spezielles Geschirr und Besteck
- Teller mit hohem Rand oder Tellerranderhöhungen helfen, das Essen leichter auf den Löffel zu bekommen.
- Rutschfeste Unterlagen verhindern, dass Teller und Schüsseln wegrutschen.
- Schräg gestellte Teller erleichtern das Schieben des Essens auf den Löffel.
- Ergonomisches Besteck mit dicken, rutschfesten Griffen liegt besser in der Hand.
- Angewinkelte Löffel oder Gabeln ermöglichen das selbstständige Essen auch bei eingeschränkter Handbewegung.
- Für Kinder mit geringer Greiffähigkeit gibt es Besteckhalter oder Handschlaufen, die das Besteck am Handrücken fixieren.
2. Trinkhilfen
- Becher mit zwei Griffen oder speziellen Nasenaussparungen erleichtern das Trinken ohne Kopfneigung.
- Trinkbecher mit Deckel oder Strohhalmaufsatz verhindern Verschütten.
- Für Kinder mit schwacher Lippen- oder Zungenmuskulatur gibt es adaptive Trinkhalme, die Rückfluss verhindern und das Saugen erleichtern.
3. Sitz- und Positionierungshilfen
- Angepasste Stühle oder Sitzsysteme stabilisieren Rumpf und Kopf.
- Fußstützen oder Seitenpolster fördern eine aufrechte Haltung.
- Höhenverstellbare Tische oder mobile Tabletts ermöglichen, dass das Kind auf Augenhöhe mit der Familie sitzt.
4. Hilfen zum Schneiden und Portionieren
- Schneidebretter mit erhöhtem Rand oder Haltestiften fixieren Lebensmittel beim Schneiden.
- Spezialmesser mit ergonomischem Griff oder Einhandmesser sind für Kinder mit eingeschränkter Handfunktion hilfreich.
- Vorportionierte Mahlzeiten oder kleine Schälchen können helfen, das Essen überschaubarer zu machen.
5. Sinnes- und Wahrnehmungshilfen
- Unterschiedliche Materialien und Farben beim Geschirr helfen, Essen besser wahrzunehmen.
- Kinder mit sensorischer Empfindlichkeit profitieren von ruhiger Umgebung und vertrauten Aromen.
- Kleine sensorische Übungen vor dem Essen – wie Lippen massieren oder pusten – können helfen, die Mundmuskulatur zu aktivieren.
6. Technische Assistenzsysteme
- Für Kinder mit sehr eingeschränkter Motorik gibt es mechanische Armstützen oder automatische Fütterungshilfen.
- Elektronische „Feeding-Roboter“ ermöglichen, dass das Kind selbstbestimmt den Löffel steuert – ein wichtiger Schritt zu mehr Eigenständigkeit.
7. Beratung und individuelle Anpassung
Ergotherapeut:innen, Logopäd:innen und Reha-Techniker:innen können einschätzen, welche Kombination an Hilfsmitteln sinnvoll ist. Viele Hilfsmittel können über die Krankenkasse oder Eingliederungshilfe beantragt werden. Eine fachliche Verordnung erleichtert den Weg.
Kleine Tricks für entspannteres Essen
Manchmal sind es gar nicht die großen Veränderungen, sondern die kleinen Tricks, die den Alltag erleichtern. Eine ruhige Umgebung ohne zu viele Reize hilft vielen Kindern, sich auf das Essen zu konzentrieren. Ein vertrauter Ablauf – Hände waschen, Tisch decken, gemeinsam beginnen – schafft Sicherheit.
Hilfreich ist es auch, das Kind aktiv einzubeziehen: beim Vorbereiten, beim Auswählen des Essens oder beim Decken des Tisches. Das stärkt das Gefühl, „dazuzugehören“, und steigert die Motivation, Neues zu probieren.
Eltern profitieren davon, Erwartungen zu lockern. Nicht jede Mahlzeit muss perfekt laufen, und manchmal darf das Essen einfach nur satt und zufrieden machen – ganz ohne pädagogischen Anspruch. Wenn Rückschritte passieren, etwa weil das Kind krank war oder müde ist, ist das kein Rückschritt in der Entwicklung, sondern Teil des Prozesses. Und: Humor hilft. Wenn ein Löffel runterfällt oder der Brei an der Wand landet, ist das nicht schön – aber auch kein Drama. Wer lernt, darf kleckern.
Gemeinsames Essen als Teilhabe
Essen ist in jeder Familie ein Stück gelebte Gemeinschaft. Für Kinder mit Behinderung bedeutet Teilhabe am Esstisch mehr als Ernährung – sie lernen Selbstwirksamkeit, Kommunikation, Zugehörigkeit. Es ist ein Ort, an dem sie erleben: Ich kann das – auf meine Weise.
Für Eltern bleibt es eine tägliche Balance zwischen Hilfestellung und Loslassen. Doch mit den passenden Hilfsmitteln, der richtigen Haltung und etwas Geduld wird aus dem Essen nicht nur eine Herausforderung, sondern ein verbindendes Ritual.
Und manchmal, mitten in all den Handgriffen, entdeckt man genau das: dass gemeinsames Essen – mit all seinen Besonderheiten – vielleicht die schönste Form von Inklusion im Alltag ist.
Tipps aus der Community:
Unsere Tochter hat einen Button und wird ausschließlich über eine Sonde ernährt. Dennoch versuchen mein Mann und ich, regelmäßig gemeinsam am Tisch zu essen.
Meine Tochter hat eine PEG, nimmt aber den Großteil ihrer Nahrung in pürierter Form oral zu sich. Wir essen gemeinsam. Das dauert zwar etwas länger bei ihr, aber ich lieb's.