Orthesen für Kinder mit Behinderung
Das Interview dient als Grundlage für einen Artikel, der Eltern Orientierung im „Orthesen-Dschungel“ gibt – verständlich, praxisnah und aus Expert*innensicht.

1. Einstieg – Vorstellung & Kontext
Gloria, du arbeitest seit vielen Jahren im Bereich der Kinderorthopädietechnik. Kannst du kurz erzählen, wie du zu diesem Thema gekommen bist und was dich an deiner Arbeit besonders begeistert?
Ich habe Physiotherapie studiert und begann in einem Zentrum für Menschen mit Behinderung zu arbeiten. Da ich mich sehr für Orthesen und Hilfsmittel interessierte, entschied ich mich, Ergotherapie zu studieren. Ich war 25 Jahre alt, als ich in einem Orthopädieunternehmen anfing und mich nach und nach auf Kinderorthopädie spezialisierte.
Was mich an meiner Arbeit am meisten begeistert, ist zu sehen, wie wir dazu beitragen können, die Lebensqualität von Kindern mit Behinderungen und ihren Familien zu verbessern. Dank orthopädischer Produkte ist der Nutzen oft sofort spürbar – und das macht diese Arbeit so lohnenswert.
Wenn Eltern zum ersten Mal hören, dass ihr Kind eine Orthese braucht – was sind meist ihre größten Sorgen oder Fragen?
Die größte Unsicherheit ist in der Regel: Wie lange muss die Orthese getragen werden? Ich antworte dann meist, dass wir uns auf die Gegenwart konzentrieren sollten, denn das Kind, seine Entwicklung und seine Bedürfnisse werden uns die Antworten geben. Das Vorausahnen von Situationen erzeugt Angst. Es ist besser, sich darauf zu konzentrieren, die Behandlung anzubieten, die jetzt helfen kann.

2. Grundlagen – Was sind Orthesen eigentlich?
Was genau sind Orthesen – und welche verschiedenen Arten gibt es für Kinder mit Behinderung?
Eine Orthese ist eine Unterstützung oder ein externes Hilfsmittel, das dem Körper hilft, eine bestimmte Position zu halten, Deformitäten vorzubeugen oder eine Funktion zu erleichtern. Es gibt vorgefertigte Orthesen (in verschiedenen Größen) und maßgefertigte Orthesen.
Orthesen können für verschiedene Körperteile angepasst werden, zum Beispiel für Knöchel und Fuß, die Hand oder den Rumpf (Korsetts).
Ein Hilfsmittel oder eine technische Hilfe ist jedes Produkt – einschließlich Geräte, Ausrüstung, Instrumente und Software –, das speziell hergestellt oder auf dem Markt erhältlich ist und von oder für Menschen mit Behinderungen verwendet wird. Ziel ist es, Teilhabe zu ermöglichen und Beeinträchtigungen vorzubeugen.
Wann kommt eine Orthese überhaupt zum Einsatz?
Eine Orthese wird auf Verschreibung eines Facharztes eingesetzt, um Deformitäten vorzubeugen oder eine Funktion zu erleichtern.
Welchen konkreten Nutzen haben Orthesen im Alltag?
Fuß-Knöchel-Orthesen wie DAFOs ermöglichen beispielsweise eine bessere Fußstütze, mehr Stabilität und können das Gehen erleichtern. Sitzorthesen unterstützen den Rumpf, entlasten die oberen Extremitäten und verbessern so die Teilnahme an Alltagsaktivitäten.
Gibt es Unterschiede je nach Diagnose?
Wichtiger als die Diagnose ist der konkrete funktionelle Bedarf. Dennoch müssen bestimmte Faktoren berücksichtigt werden, etwa Sensibilitätsverluste bei Spina bifida oder Veränderungen des Muskeltonus bei Zerebralparese.
3. Anpassung & Alltag
Wie wichtig ist die individuelle Anpassung – und wie finden Eltern eine gute Orthopädiewerkstatt?
Die individuelle Anpassung ist der entscheidende Faktor. Die Produktqualität allein reicht nicht aus. Der Schlüssel liegt in der passgenauen Versorgung jedes einzelnen Kindes.
Empfehlenswert sind Orthopädiebetriebe mit Erfahrung in der Versorgung von Kindern mit Behinderungen und einer engen Zusammenarbeit mit dem interdisziplinären Rehabilitationsteam.
Wie oft müssen Orthesen überprüft oder neu angepasst werden?
Das hängt vom Kind und der Orthese ab. DAFO-Orthesen werden in der Regel jährlich erneuert. Bei Veränderungen oder Problemen sollte jedoch sofort Kontakt aufgenommen werden.
Was tun, wenn ein Kind die Orthese ablehnt?
Zunächst sollte die Ursache geklärt werden – körperlich oder emotional. Mögliche Strategien sind:
- schrittweise Eingewöhnung mit kurzen Tragezeiten
- unterschiedliche Einsatzzeiten ausprobieren (z. B. Schule vs. Zuhause)
- Nachtanwendung bei passiven Orthesen
- positive Verstärkung durch angenehme Aktivitäten
Tipps für den Alltag?
Geeignete Schuhe sind entscheidend: breiter Leisten, viel Platz, breite Zunge und Klettverschlüsse. Meist empfiehlt sich eine Schuhgröße größer als ohne Orthese. Spezialschuhe sind nicht zwingend notwendig, wenn ausreichend Platz vorhanden ist.
4. Fachliche Vertiefung – häufige Elternfragen
Sind Spiralorthesen bei ICP sinnvoll?
Der Nutzen sollte individuell geprüft werden – ebenso Hautverträglichkeit, Wärmeentwicklung und Auswirkungen auf die Selbstständigkeit. Alternativen können z. B. das Cosa Active oder Anpassungen am Rollator sein.
Können Sitzschalen ein Korsett ersetzen?
Sitzschalen können eine symmetrische Haltung fördern und Deformierungen verzögern, ersetzen jedoch kein Korsett bei Skoliose. Die Entscheidung trifft der Facharzt.
Machen Orthesen Sinn, wenn sie das Gangbild verändern?
Ziel ist nicht ein „normales“ Gangbild, sondern mehr Stabilität, geringerer Kraftaufwand und funktionelle Verbesserung. Besseres Gehen bedeutet nicht immer geraderes Gehen.
Woran erkennt man, ob eine Orthese hilft?
Wenn sie sichere, alltagstaugliche Bewegungen ermöglicht und das vorhandene Bewegungsmuster unterstützt. Entscheidend ist eine nachhaltige Funktion – nicht Perfektion.
5. Blick in die Zukunft
Wie hat sich die Orthesentechnik verändert?
Der technologische Wandel war enorm: vom Gipsabdruck zum 3D-Scan und 3D-Druck. Digitale Verfahren machen Prozesse schneller, sauberer und kindgerechter.
Gibt es neue Materialien oder Verfahren?
Scanner, CAD-Design und computergestützte Fertigung verbessern Passform und Effizienz. Die additive Fertigung eröffnet neue Materialmöglichkeiten.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Einen einfacheren Zugang zu Hilfsmitteln – unabhängig von Land oder Wohnort.
6. Abschluss
Dein wichtigster Tipp für Eltern?
Kinder haben eine unglaubliche Fähigkeit, neue Wege zu finden. Widrigkeiten halten sie nicht immer auf – manchmal zeigen sie einfach einen anderen Weg.
